Bietigheim-Bissingen 2007
"anno MMVII"


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FLATTICHSTRASSE

Umbenannt wurde die Straße am 9. Februar 1954, davor hieß der existierende Nordteil "Gartenstraße".

"Johann Friedrich Flattich (* 3. Oktober 1713 in Beihingen bei Ludwigsburg; † 18. Juli 1797 in Münchingen) war ein evangelischer Pfarrer und Erzieher." (Quelle: Wikipedia)

Johann Friedrich Flattich (1713-1797) war von 1747 bis 1760 Pfarrer in Metterzimmern. 

Aus der Anschauung der wirtschaftlichen Probleme vieler dortiger Gemeindemitglieder entwickelte der aufgeklärte Pädagoge allgemeine Grundsätze für eine sparsame Lebensführung, die später im Druck weitverbreitet waren. Daneben unterhielt er eine Art Privatinternat, in dem er mittels einer aus der praktischen Lehrerfahrung entwickelten Methode im Laufe seiner Jahre mehr als 200 Schüler auf die Universität vorbereitete.

Als Theologe steht er zwischen dem älteren württembergischen Pietismus des 18. Jh. und der Erweckungsbewegung des 19. Jh.

Johann Friedrich Flattich wurde am 3. Oktober 1713 als jüngstes Kind des Schulmeisters, Gerichtsschreibers und späteren Schertlinschen Amtmanns Johann Wilhelm Flattich und seiner Frau Maria Veronika geb. Kapff in Beihingen geboren. Er war das jüngste von drei Kindern. Die beiden Schwestern waren 11 bzw. 8 Jahre älter, so dass Johann Friedrich wohl als Nesthäkchen aufwuchs. Der Vater starb schon 1728. Für Johann Friedrich war die Pfarrerlaufbahn vorbestimmt. Nach dem Besuch der Ludwigsburger Lateinschule rückte er 1729 in die Klosterschule Denkendorf ein, wo als Klosterpräzeptor der pietistische Theologe Johann Albrecht Bengel einen maßgeblichen Eindruck bei ihm hinterlassen hat. Nach weiteren zwei Jahren an der Klosterschule Maulbronn begann 1733 das philosophische "Grundstudium" am Tübinger Stift, dem sich 1735 das eigentliche Theologiestudium anschloss.

Neben der Theologie widmete sich Flattich im Geiste der Aufklärung vor allem der "Mathesis" den heutigen Naturwissenschaften, was seine gesamte Geisteshaltung stark beeinflusst hat. Nach bestandenem Examen kam Flattich 1737 als Vikar zu seinem Onkel Johann Friedrich Kapff nach Hoheneck, der dort seit 1696 Pfarrer war und es mit Weinbau und Weinhandel zu einigem Wohlstand gebracht hatte. Dort lebte auch seine inzwischen verwitwete Schwester Maria Barbara mit ihren sechs Kindern. Flattich kränkelte in dieser Zeit über mehrere Jahre. Er therapierte sich, indem er täglich zu Fuß noch Ludwigsburg marschierte und dort bei einem Dreher das Drehen erlernte. Als sein Onkel starb, wurde Flattich Anfang 1742 als Garnisonsprediger auf den nicht weit entfernten Hohenasperg versetzt. Diese erste feste, wenn auch nur gering besoldete Anstellung bot ihm die Möglichkeit, eine Familie zu gründen. Schon im Mai 1742 heiratete er in Steinheim die Tochter des dortigen ehemaligen Pfarrers Christiana Margaretha Groß. Um die kärgliche Besoldung etwas aufzubessern, begann Flattich auf dem Hohenasperg seine sogenannte "Information": er unterrichtete Knaben und nahm sie gegen Kostgeld bei sich auf. Auch unverheiratete Offiziere der Garnison nahm er an seinen Tisch. So führte er bereits zu dieser Zeit einen großen Haushalt, zu dem von Anfang an neben den eigenen, nach und nach 14 Kindern (von denen allerdings 8 früh starben) auch die unverheiratete Schwester seiner Frau, Christiane Veronika Groß, gehörte.

1747 wurde ihm die Pfarrstelle in Metterzimmern übertragen, damals ein kleines Dorf mit 291 Seelen. Für 13 Jahre amtete er hier, kaufte sich Äcker und Weinberge und machte verschiedene landwirtschaftliche Experimente, um seine weiterhin bescheidene Besoldung aufzubessern. Am Ende verlegte er sich auf den Weinhandel, der ihn als Pfarrer wegen des Gewinnstrebens jedoch in arge Gewissensnöte brachte. Da viele seiner Gemeindemitglieder in Metterzimmern in schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen lebten und die Obrigkeit trotz wiederholter Ermahnungen Flattichs keinerlei Anstalten mochte, hier Abhilfe zu schaffen, nahm sich Flattich dieses Problems selbst an. Er kam damit zu einem zentralen, ihn künftig nicht mehr loslassenden Thema, das er mit seinen pädagogischen Interessen verband: dem Hausen, d. h. dem sparsamen und bescheidenen Wirtschaften. Die von Flattich aus der Metterzimmerer Anschauung entwickelten allgemeinen Grundsätze fanden, von seinem Sohn niedergeschrieben und in den Druck gegeben, als Flattichsche Hausregeln später weite Verbreitung. Obwohl Flattich eigentlich davon ausgegangen war, bis an sein Lebensende in Metterzimmern zu bleiben, war 1760 eine Bewerbung auf die begehrte, weil gut besoldete Pfarrei Münchingen überraschend erfolgreich. Die kolportierte Geschichte, die Versetzung Flattichs sei auf das persönliche Eintreten Herzog Carl Eugens geschehen, nachdem dieser eine Predigt Flattichs in der Metterzimmerer Kirche gehört hatte, ist eine schöne Legende - leider ist sie durch nichts belegt. Münchingen war mit 925 Seelen wesentlich größer als Metterzimmern und unterschied sich auch sonst in vielfacher Hinsicht von dem kleinen Dorf an der Metter. Flattich amtete hier bis zu seinem Tod 1797. Er stand in enger persönlicher und schriftlicher Verbindung mit pietistischen Theologen, und seine eigenen Predigten bekamen regen Zulauf von auswärts.

Seine besondere Bedeutung erhält Flattich jedoch weniger durch sein Pfarramt als durch seine eigentliche "Berufung" als Pädagoge. Schon in seiner Studentenzeit in Tübingen hatte er nebenher als Hauslehrer die Kinder seiner Professoren unterrichtet, dann in Hoheneck die Kinder seiner Schwester. Nach der Gründung eines eigenen Hausstandes führte er so etwas wie ein privates Internat, d. h. er hatte ständig 10-20 Schüler ganz unterschiedlichen Alters in Kost und unterrichtete sie als Vorbereitung auf die Universität. Selten umfasste sein Hausstand weniger als 20 Personen, wie er beim Tode seiner Frau 1771 schreibt.

In Münchingen hatte er auf eigene Kosten dazu einen besonderen Anbau an das Pfarrhaus errichten lassen, und schon in Metterzimmern hatte er dies wohl vor, denn das Grundstück dazu hatte er bereits erworben. Flattich entwickelte bei der "Information", wie er seinen Unterricht nannte, eine aus der Praxis abgeleitete Methode, die er Zeit seines Lebens selbstkritisch reflektierte. Ganz ähnlich wie der in etwa gleich alte Rousseau kam auch Flattich aus praktischer Anschauung zu der philanthropischen Erkenntnis, dass Kinder keine noch unvollkommenen Erwachsenen seien, die man wie solche mit Schlägen, Spott oder Einsperren zu behandeln habe. Vielmehr bedürften Kinder zu einer guten Entwicklung einer anderen, den verschiedenen Entwicklungsstufen angemessenen Behandlung, die sie nicht überfordere. Sein aus der Bibel destilliertes nüchtern-utilitaristisches "Haupt-Principium" war: "Wenig brauchen lernen, damit man nicht viel sorgen und erwerben darf [= muß]". Als Theologe steht er vermittelnd zwischen dem württembergischen Pietismus des 18. Jh. und der Erweckungsbewegung des 19. Jh. Flattichs Denken war einerseits stark von der Aufklärung bestimmt, d. h. er bediente sich seines Verstandes und seiner Beobachtungsgabe ganz bewusst, transzendierte die Beobachtungen jedoch mit Hilfe der emblematischen Theologie, suchte also analoge Sinnbilder (Embleme) zu dem Beobachteten in der Bibel und folgerte daraus ganz konkrete Maximen für sein persönliches Leben und Handeln. Nicht ganz ohne Grund wurde er deshalb "der schwäbische Salomo" genannt. Flattich starb hochbetagt am 1. Juni 1797 im Pfarrhaus in Münchingen. Anlässlich seines 250. Geburtstags wurde 1963 von der Stadt Bietigheim eine Gedächtnistafel am Pfarrhaus in Metterzimmern angebracht.

Literatur:

Hermann Ehmer: Johann Friedrich Flattich. Der schwäbische Salomo. Eine Biographie. Stuttgart 1997

Hermann Ehmer: Magister Johann Friedrich Flattich. Pfarrer und Erzieher; In: Blätter zur Stadtgeschichte 12 (1995) S. 181-200

Impressum: © Stadt Bietigheim-Bissingen 3. Auflage, 2002, 2000 Stck. (= Faltblatt des Stadtarchivs)

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