|
Bietigheim-Bissingen 2007 |
|
|
MERGENTHALERSTRASSE |
|
|
Die Straße wurde benannt am 20. 02. 1973 und 1. 02. 1977. |
|
|
"Der
Uhrmacher Ottmar Mergenthaler (* 11. Mai 1854 in Hachtel, heute
Stadtteil von Bad Mergentheim; † 28. Oktober 1899 in Baltimore) ist der
Erfinder der Linotype-Setzmaschine." (Quelle: Wikipedia). Vom
29. 3. 1933 bis zum 18. 6. 1945 war die jetzige Hans-Stangenberger-Straße
nach Christian Mergenthaler
benannt: |
|
|
Der Schwindel war ein Geniestreich
Die Mergenthalerstraße in
Bietigheim
(rh). "Ein großartiger Setzmaschinenschwindel wird jetzt in den Vereinigten Staaten getrieben", schrieb 1885 die Fachzeitschrift "Journal für Buchdruckerkunst". In Washington war bei einem großen Diner im Weißen Haus die Linotype-Maschine Ottmar Mergenthalers vorgeführt worden, "aber wahrscheinlich erst, als die Festgäste ohnehin disponiert waren, alles doppelt zu sehen", hieß es damals in dem Blatt. Bedauerlich sei, so der Schreiber weiter, "daß gerade die Buchdruckerei zum Felde der Schwindlertätigkeit auserlesen wurde und daß das Objekt eine Setzmaschine sein mußte. Die Vorurteile, gegen die diese Maschinen immer noch zu kämpfen haben, sind ohnehin so zahlreich, daß eine Vermehrung durch Schwindler wahrlich nicht notwendig war." Was der vorurteilsvolle Kritiker des Joumals als Schwindel bezeichnete, entpuppte sich jedoch alsbald als Geniestreich, der das Zeitungs- und Verlagswesen revolutionierte. In Druckerkreisen weiß heute noch jeder, wer Ottmar Mergenthaler war, denn noch heute verrichten Linotype-Setz- und Gießmaschinen, die nach demselben Prinzip arbeiten, wie die ersten des Erfinders, in Verlagen ihren Dienst. Indem die Stadt jüngst einer Querstraße zur Antoniastraße im Neubaugebiet Siechenweingartweg seinen Namen gab, ehrte sie einen Mann, der nach seiner Uhrmacherlehre bei Meister Louis Hahl in Bietigheim an der Enzbrücke nach Amerika zog, wo er und sein Erfindergeist mehr Freiraum zum "Austoben" fanden als in dem 1872 noch kleinen und eher verschlafenen Städtchen an Enz und Metter. Geboren wurde der "revolutionäre Schwindler" am 11. Mai 1854 in Hachtel, einem 300-SeelenDorf bei Bad Mergentheim. 1858 zog Vater Johann Georg Mergenthaler mit seiner Familie nach Ensingen bei Vaihingen, wo er die Lehrerstelle bekam. Dort starb 1859 Ottmars Mutter. 1861 verheiratete sich der Vater mit der Schwester des Bietigheimer Uhrmachers Hahl und schuf so eine Verbindung, die für seinen Sohn später große Bedeutung für sein ganzes Leben erlangte. Als Bub zeigte Ottmar Mergenthaler bereits sein Talent, wenngleich nach dem Tode seiner Mutter seine Hauptaufgabe im Füttern der Schweine und Rinder sowie im Kochen und Abwaschen bestand. Dennoch blieb Zeit zum Basteln. Einmal reparierte er gar die Uhr auf dem Ensinger Kirchturm, ein Erlebnis, das ihn später dazu brachte, Uhrmacher zu lernen. Da Ottmars Brüder Karl und Adolf die Realschule in Vaihingen besuchten, war für Ottmar kein Geld mehr da, und sein Vater unterrichtete ihn in Ensingen. So wählte er Uhrmacher als Beruf aus, was er bei Onkel Louis in Bietigheim lernen konnte. Dort war er so gut, daß ihm Louis Hahl bereits ein Jahr vor Ende seiner Lehre Lohn bezahlte. Dies war dem Uhrmachermeister in 30 Jahren Arbeit noch nicht vorgekommen. Nach der Lehre im Sommer 1872 zog es Ottmar in die Ferne. Er schrieb an seinen Vetter August Hahl, der bei Washington eine Fabrik besaß, ob er ihn haben wolle. Am 26. Oktober 1872 legte der Dampfer "Berlin" am Locust Point in Baltimore an und entließ den jungen Mann in eine noch ungewisse, doch wie sich herausstellte, blendende Zukunft. Mergenthaler kannte zwar noch keine elektrischen Instrumente, doch innerhalb von zwei Jahren stieg er bei August Hahl wegen seiner Kenntnisse und zahlreichen Erfindungen zum zweiten Mann in der Firma auf. Zur Entwicklung einer Setzmaschine kam der Erfinder, da ihm Techniker Charles Moore im August 1876 eine Art Schreibmaschine zur Vervollkommnung brachte. Mergenthaler arbeitete schnell, und im Sommer 1877 war die Maschine fertiggestellt. Die Linotype-Setz- und Gießmaschine, die er im Juli 1884 vorstellte, brachte es fertig, eine ganze Zeile in kurzer Zeit bei nur einem Maschinenbediener auf einmal zu fertigen. Eine Umwälzung im Zeitungswesen, wo zuvor von vielen Arbeitskräften jeder einzelne Buchstabe gesetzt werden musste. Eine Zeitung konnte somit wesentlicher schneller hergestellt werden. Die Maschine vereint Matrizen, die mittels der Tastatur aus einem Magazin ausgelöst werden und in einen Sammler fallen, zu einer Zeile. Danach werden sie vor einen Zylinder transportiert und dort mit einer Bleilegierung, die in einem Topf durch Erhitzung flüssig gehalten wird, ausgegossen, Nach dem Guß wird die abgekühlte, feste Bleizeile ausgestoßen und die Matrizen werden von einem Greifer automatisch auf eine Spindel gehängt, von der sie durch eine Zahnungskombination wieder in den richtigen Kanal im Magazin fallen. Sind Fehler in der Zeile, wird das Bleiprodukt einfach wieder eingeschmolzen. 1889 gab es schon die erste verbesserte Maschine und bis zum Tode Mergenthalers am 28. Oktober 1899 arbeiteten über 6000 Produkte aus der Erfinderwerkstatt überall auf der Welt. 1894 mußten die Ärzte ihm und seiner Frau, die er 1881 geheiratet hatte, mitteilen, daß er an Tuberkulose erkrankt sei. Die Krankheit überstand der Erfinder nicht. Doch noch am Vorabend seines Todestags trieb ihn seine unbändige Schaffenskraft dazu, an einer neuen Erfindung zu arbeiten. Ab 1882 wurde im Hahlschen Haus an der Enzbrücke der Enz- und Metterbote gedruckt. 1907 kam es in den Besitz von August Gläser, der auch die Linotype für die Satzherstellung seiner Zeitung brauchte. Dort, wo einst Ottmar Mergenthaler auf seinem Uhrmacherschemel saß, arbeitete also später das Wunderwerk seiner Erfinderphantasie. Bietigheimer Zeitung, Kolumne "Straßennamen" ("rh"), 12. November 1983 |
|
Zum Namenbuch:
Zur Straßenübersicht:
und
hier zurück zu meiner Homepage.