|
Bietigheim-Bissingen 2007 |
|
|
ERWIN-BÄLZ-STRASSE |
|
|
Benannt wurde die Straße am 3. Dezember 1937. |
|
|
"Erwin von Bälz (1849 - 1913), Sohn einer Bietigheimer Baumeisterfamilie, Mediziner, Wegbereiter der modernen Medizin in Japan, Leibarzt des japanischen Kaisers." (offizielle Information) (s. Wikipedia; Link mit Umlaut!) |
|
|
Erwin von Bälz (1849-1913), ein Arzt aus Bietigheim als Wegbereiter der modernen Medizin in Japan "Wenn ich nun zurücksehe", resümierte Erwin (von) Bälz wenige Jahre vor seinem Tod, "so liegt ein seltsames Leben vor mir. Zwischen dem ergreifenden Eindruck des Morgens von Sedan bis zur Siegesfeier der Schlacht von Tsuschima liegt ein bedeutender Abschnitt der Weltgeschichte. Ich durfte dessen Zeuge sein. Nicht um den größten Reichtum der Welt möchte ich mein Leben tauschen." Geboren wurde Erwin Bälz als drittes Kind des Werkmeisters Carl Gottlob Bälz und seiner Frau Wilhelmine Caroline, der Tochter des Rosenwirts Essich, am 13. Januar 1849 in Bietigheim, im selben Haus am damaligen Viehmarkt (heute: Am Japangarten 4), in dem nur zwei Jahre später der Maler Gustav Schönleber das Licht der Welt erblickte. Früh schon zeigte sich Erwin Bälz' Neigung zur Natur- und Völkerkunde. Seine liebste Lektüre sei Brehms Tierleben und der Weltatlas gewesen, erinnert sich sein Bruder Karl. Nach dem Besuch der Bietigheimer Lateinschule und des Eberhard-Ludwig-Gymnasiums in Stuttgart studierte Erwin Bälz ab 1866 Medizin, zunächst in Tübingen, dann in Leipzig bei Professor Carl Wunderlich, dem damals berühmtesten deutschen Internisten. Ehe er sein Studium mit der Promotion 1872 abschließen konnte, nahm er als Feldunterarzt am deutsch-französischen Krieg 1870/71 teil. Bis zur Habilitation 1876 arbeitete Bälz als Assistent an der medizinischen Klinik in Leipzig, wo einer seiner Patienten ein einflussreicher japanischer Beamter war. Diese Begegnung sollte seinem Leben eine entscheidende Wende geben. Noch vor Abschluss seiner Habilitation erhielt er ein Angebot, als Professor für Innere Medizin an die Medizinschule nach Tokio (der späteren Medizinischen Fakultät der Universität Tokio) zu gehen. Das kam seinem Interesse an fremden Ländern und Kulturen entgegen, und so tauschte er eine aussichtsreiche Laufbahn in Leipzig gegen ein ungewisses Schicksal im fernen Osten. Aus zunächst geplanten zwei Jahren wurde ein Aufenthalt von insgesamt 29 Jahren. Japan befand sich damals im Umbruch: Nach jahrhundertelanger Isolation öffnete es sich westlichen Einflüssen. Von der japanischen Regierung wurden ausländische Fachleute ins Land geholt, im medizinischen Bereich vor allem deutsche Ärzte - ein Grund, warum im Fach Medizin Deutsch zur Unterrichtssprache wurde. Als Erwin Bälz am 6. Juni 1876 in Yokohama an Land ging, war er nicht der erste deutsche Arzt, doch er wurde von allen damals in Japan tätigen deutschen Ärzten sicher zum bedeutendsten Mittler zwischen europäischem Denken und japanischer Kultur und Tradition und hat wohl den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen. Während seiner 26-jährigen Lehrtätigkeit in Tokio hat Erwin Bälz eine ganze Generation japanischer Ärzte geprägt. Er schrieb in dieser Zeit auch ein Lehrbuch über "Die Krankheiten der Atemorgane mit spezieller Rücksicht auf Japan" und ein dreibändiges "Lehrbuch der Inneren Medizin". Zahlreiche weitere Veröffentlichungen widmeten sich Forschungen zu speziellen, in Japan auftretenden Krankheiten. Neben seiner Lehrtätigkeit arbeitete Bälz noch an der Klinik und führte eine Privatpraxis; unter seinen Patienten waren viele einflussreiche Staatsmänner. Auch zu den Hofärzten pflegte er enge Kontakte und wurde immer wieder zu Behandlungen am Kaiserhof hinzugezogen. Vor allem durch die erfolgreiche ärztliche Betreuung des kränklichen Kronprinzen erlangte er das völlige Vertrauen des Kaisers, der ihn schließlich zum kaiserlichen Leibarzt ernannte. Diesen Einfluss nutzte er, um grundlegende Verbesserungen des japanischen Gesundheitswesens zu erreichen, insbesondere bei der Hygiene und der Seuchenbekämpfung. 1889 wurde Bälz zum "Chokunin" ernannt, dem höchsten Titel für einen Ausländer im Dienst der japanischen Regierung. Er beschäftigte sich auch intensiv mit dem Badewesen, das in Japan schon eine lange Tradition hatte, und förderte die wissenschaftliche Erforschung und Nutzung der Heilquellen. Die japanische Stadt Kusatsu verdankt ihre Bedeutung als Kurort der Erforschung und Förderung ihrer Heilquellen durch Bälz. Darauf gründet die seit 1962 bestehende Städtepartnerschaft zwischen Bietigheim und Kusatsu. Auch privat war Erwin Bälz inzwischen aufs engste mit der neuen Heimat verbunden: 1888 heiratete er die Japanerin Hana Arai, 1889 wurde der Sohn Erwin Toku, 1890 die Tochter Ute geboren, die jedoch nach kurzer Krankheit im Alter von drei Jahren starb. Im Juni 1902 hielt Erwin Bälz seine Abschiedsvorlesung. Kurz bevor er 1905 mit seiner Frau Hana die Heimreise nach Württemberg antrat, verlieh ihm der Kaiser das Großkreuz des Ordens der aufgehenden Sonne, die höchste Auszeichnung, die ein nichtfürstlicher Ausländer in Japan erhalten konnte. Der württembergische König seinerseits würdigte die Verdienste des Heimkehrenden mit dem Komturkreuz des Kronenordens und der Verleihung des persönlichen Adelstitels. Erwin von Bälz wohnte nun mit seiner Familie in Stuttgart, wo der Sohn Toku schon seit 1900 bei der Großmutter lebte. Die Jahre in Deutschland waren ausgefüllt mit Vorträgen und Publikationen seiner Forschungen in Japan und einigen Forschungsreisen. 1907 wurde er zum Präsidenten der neugegründeten Gesellschaft für Tropenmedizin gewählt. Im selben Jahr trat er noch ein letztes Mal die Reise nach Japan an, um den erkrankten Kronprinzen zu behandeln. Die letzten Lebensjahre waren überschattet von einer unheilbaren Herzkrankheit, trotzdem arbeitete Erwin von Bälz bis zum letzten Tag an seinem großen anthropologischen Werk über die Völker Ostasiens, dessen Vollendung sein Tod am 31. August 1913 verhinderte. Erwin von Bälz wurde im Familiengrab auf dem Stuttgarter Waldfriedhof beigesetzt, wo noch heute sein Grabstein an ihn erinnert. Die hohe Wertschätzung, die Erwin von Bälz bis heute in Japan genießt, beruht zum einen auf seiner Arbeit als Arzt, Lehrer und Forscher und als Wegbereiter der modernen Medizin in Japan. Unvergessen ist er aber auch wegen seiner unvoreingenommenen Art und seiner von jeglicher Überheblichkeit freien Sympathie für die Japaner und seinem großen Interesse an ihrem Leben und ihrer Kultur. Auf seinen zahlreichen Reisen im Land, die ihn mit allen Gruppen der Bevölkerung in Kontakt brachten, machte er anthropologische und völkerkundliche Forschungen. Er befasste sich u. a. mit Kleidung, Ernährung, Hausbau, Ahnenkult und Dämonenfurcht. Er hatte schon bald nach seiner Ankunft in Japan mit dem Studium der japanischen Sprüche begonnen. Auf seinen Wanderungen ließ er sich Märchen und Sagen erzählen. Er mahnte die Japaner, bei ihrem Aufbruch in die Moderne ihre überlieferten Werte und Traditionen nicht völlig zu vergessen und regte erfolgreich die Wiederbelebung der in Vergessenheit geratenen traditionellen japanischen Sportorten wie Jiujitsu und Stockfechten an. Auch für die japanische Kunst und das Kunsthandwerk interessierte sich Erwin Bälz; er trug im Laufe seines Aufenthalts eine umfangreiche Sammlung zusammen, von der ein bedeutender Teil heute im Stadtmuseum Hornmoldhaus und Lindenmuseum Stuttgart gezeigt wird. In Bietigheim erinnert neben seinem Geburtshaus seit 1962 im nahegelegenen Japangarten ein Gedenkstein an den "Japanarzt" Erwin von Bälz. Eine Straße im Wohngebiet auf der Lug trägt seinen Namen. Literatur: Toku Bälz (Hrsg.): Erwin Bälz Das Leben eines deutschen Arztes im erwachenden Japan. Stuttgart 1930 Felix Schottlaender: Erwin von Baelz 1849-1913. Leben und Wirken eines deutschen Arztes in Japan. Stuttgart 1928 Gerhard Vescovi: Erwin Baelz. Wegbereiter der japanischen Medizin. Stuttgart 1972 Otto Rombach: Der Japanarzt aus Schwaben. Über Erwin von Bälz. Bietigheim 1962 Impressum: © Stadt Bietigheim-Bissingen 5. Auflage, 2004, 2000 Stck. (= Faltblatt des Stadtarchivs) |
|
Zum Namenbuch:
Zur Straßenübersicht:
und
hier zurück zu meiner Homepage.