Bietigheim-Bissingen 2007
"anno MMVII"


Zur Bildseite

CONRAD-ROTENBURGER-STRASSE

Benannt wurde die Straße am 13. Dezember 1988.

Nach der Karte von 1905 war hier die "Hohestraße" geplant.

Conrad Rotenburger, * 1. 1. 1579, + 26. 5. 1633, Kunstmaler

Conrad Rotenburger - ein Bietigheimer Maler und Radierer zwischen Renaissance und Barock

Bietigheim war um 1600 eine blühende Stadt, wie die Annalen zu berichten wissen: "Dann es war darinnen eine Menschenherd von 1800 Seelen. 350 Burger befunden sich mehistenteils in guetem Vermögen von Vich, Zug- und Reutpferden, Frucht, viel hundert Fueder köstlichem Wein und schöner Paarschaft an Geld, Kleinodien und vielen Silbergeschirren". Nach wie vor war der Weinbau und Weinhandel das "Hauptkommerzium" seiner Bürger. Aber inzwischen gab es auch ein stark differenziertes Handwerk und Gewerbe. Rot- und Weißgerber, Messerschmiede und Kannengießer, Hutmacher und Buchbinder, Büchsenmacher und Schwertfeger, Uhrmacher und Goldschmiede hatten hier ihre Kundschaft und ihr Auskommen. Und mit dem Bildschnitzer Johannes Neiffer und dem Maler Conrad Rotenburger lassen sich zu dieser Zeit erstmals auch Künstler, besser Kunsthandwerker fassen. Während wir von Neiffer kein Werk kennen, haben sich von Conrad Rotenburger u. a. ein signiertes Epitaph und seine "Biblischen Summarien" erhalten, eine emblematische Bilderbibel.

Conrad Rotenburger war kein gebürtiger Bietigheimer. Seine Herkunft kennen wir ebenso wenig, wie den genauen Zeitpunkt, als er sich hier niederließ. Möglicherweise stammte er aus dem Zabergäu, wo in dieser Zeit der Name Rotenburger geläufig ist. Verborgen bleibt uns auch, bei welchem Meister er in die Lehre ging, bei wem er seine künstlerische Ausbildung erhielt, wem er die Kenntnis der Radierung und des Kupferstichs verdankte.

Urkundlich fassbar wird er in Bietigheim erstmals Anfang 1612, als er seine Tochter Catharina in der Stadtkirche taufen lässt, zwei weitere Töchter und ein Sohn folgen. Wie wir aus einer anderen Quelle wissen, hat er zu dieser Zeit bereits einen Sohn und eine Tochter, kann demnach hier kaum eingeheiratet hoben, sondern muss mit seiner Familie hierher gezogen und ins Bürgerrecht aufgenommen worden sein. Vermögen und Ansehe dürften nicht gering gewesen sein, denn 1616 bereits ist Rotenburger Mitglied des Rates, eines der beiden städtischen Gremien. Vielleicht war es sein Beruf als "(Flach)maler", der ihm das städtische Amt des Feldmessers eingetragen hat, denn hin und wieder war hier der Zeichenstift gefragt. Dieses wichtige Amt, das etwa dem des heutige Geometers entsprach, bekleidete Rotenburger bis zu seinem Tode 1633. Ein Protokollbuch von seiner Hand, die Feldmesserchronik, verzeichnet die geklärten Grenzstreitfälle, die ebenfalls zu den Aufgaben zählenden jährlichen Brennholzzuteilungen  sowie einzelne chronikalische Eintragungen. 1622 rückte Rotenburger dann sogar in das zwölfköpfige städtische Gericht auf. Er gehört damit zur sogenannten Ehrbarkeit, d. h. den wenigen Familien, die die Geschicke der Stadt lenkten. Das älteste, gesichert von der Hand Rotenburgers stammende Werk ist das Epitaph der Familie des badischen Stiftsschaffners Mathias Henßler in der Besigheimer Stadtkirche. Es trägt die Signatur des Künstlers mit der Jahreszahl 1611 und ist eine Variation von Lukas Cranachs bekannten lehrhaft-dogmatischen Allegorien über Gesetz und Evangelium, wie sie protestantischer Auffassung in typischer Weise entspricht. Begleitet von Moses, der das alttestamentarische Gesetz verkörpert, und Johannes dem Täufer, der für das Evangelium steht, sitzt auf seinem Sarg vor seinem Grob ein betender Knabe. Er wendet ein wenig furchtsam seinen Blick zum Täufer, der den Blick erwidernd seinerseits auf den auferstandenen Christus verweist und damit Hoffnung auf Erlösung vermittelt. Im Hintergrund ziehen in strenger typologischer Gegenüberstellung Szenen aus dem Alten und Neuen Testament gegen den Horizont.

Während Rotenburger die etwas formelhafte symmetrische Gesamtkomposition und auch die Darstellung der Landschaft und Naturelemente gut bewältigt, offenbaren sich gewisse Probleme bei der Proportionierung des menschlichen Körpers, insbesondere bei der räumlichen Verkürzung der Gliedmaßen.

Ob das in der Bietigheimer Stadtkirche hoch im Chor hängende ähnlich aufgebaute Nördlinger Epitaph von 1607 ebenfalls von der Hand Rotenburgers ist, lässt sich nicht gesichert sogen. Schon seit 1614 arbeitete Rotenburger mit namentlich nicht bekannten Gehilfen an einem Großauftrag, der Ausmalung der Vaihinger Stadtkirche noch den inhaltlichen Vorgaben des damaligen zweiten Vaihinger Stadtpfarrers und späteren berühmten Theologen Johann Valentin Andreae, der das überlieferte theologisch-ikonografische Programm entworfen hatte. Kaum war das Projekt indes abgeschlossen, wurde die Vaihinger Stadtkirche bei einem Stadtbrand 1618 ein Raub der Flammen.

Als versierter, fantasievoller und überaus fleißiger Radierer erweist sich Rotenburger in seinen Biblischen Summarien", einer nur noch in ganz wenigen Exemplaren erhaltenen emblematischen Bilderbibel, die er gemeinsam mit dem damaligen Bietigheimer Amtsbürgermeister Johann Huttenloch 1630 herausgegeben hat. Auf 91 einseitig mit Radierungen bedruckten Blättern mit jeweils 16 Einzeldarstellungen sind sämtliche Bücher der Bibel samt den Apokryphen dargestellt. Jede Szene ist zudem epigrammatisch durch vierhebige Zweizeiler erläutert. Wie wir aus einer versteckten Signatur erfahren, hat ihn sein Lehrling und Gehilfe Jacob Custos bei einigen Tafeln unterstützt. Custos entstammte einer ursprünglich in Antwerpen, nun in Augsburg ansässigen Künstlerfamilie und war dort später auch selbst als Kupferstecher und Radierer tätig. Die Tatsache, dass er bei Rotenburger in die Lehre ging, spricht für das zeitgenössische Ansehen des Bietigheimer Malers und Radierers.

Am 26. Mai 1633 ist "Conrad Rotenburger, Flachmahler", in seinem Haus Hauptstraße 47 im Alter von 54 Jahren gestorben und zwei Tage darauf begraben worden. Er starb ein Jahr, bevor der 30-jährige Krieg nach Württemberg und Bietigheim hereinbrach und Land und Stadt in die größte Katastrophe ihrer Geschichte stürzte. Damit sollte er die Grausamkeiten, denen besonders seine Familie ausgesetzt war, nicht mehr erleben müssen: Seine Tochter Margretha wurde 1634 von Soldaten erstochen, seine Frau Anna Maria verstarb im Hungerjahr 1636, die Söhne Hans Conrad und Hans Jacob waren "im Kriegswesen verschollen", die jüngste Tochter Johanna hatte sich mit einem Soldaten heiratet, ihr Verbleib war unbekannt. Nur Catharina überlebte diese furchtbaren Jahre.

Literatur:

Günther Bentele: Conrad Rotenburger, ein Bietigheimer Künstler aus der Zeit der Familie Hornmold; In: Himmelszeichen und Erdenwege. Johannes Carion (1499-1537) Sebastian Hornmold (1500-1581) in ihrer Zeit. Ubstadt-Weiher 1999, S. 155-192

Impressum: © Stadt Bietigheim-Bissingen 1. Auflage, 2002, 2000 Stck. (= Faltblatt des Stadtarchivs)

Zum Namenbuch:   Zur Straßenübersicht:      und hier zurück zu meiner Homepage.