Bietigheim-Bissingen 2007
"anno MMVII"


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CARIONSTRASSE

Benannt wurde die Straße am 3. Dezember 1937, zusammen mit der Erwin-Bälz-Straße und der Florian-Geyer-Straße.
Benennungsgrund war damals: "nach dem in Bietigheim geborenen Astronomen und Schriftsteller Johann Carion, der die französische Revolution verschiedene hundert Jahre vorausgesagt hat." (Protokoll vom 3. Dezember 1937)

"Johann(es) Carion, auch: Johannes Nägelin, Johannes Gewürznägelin, Johannes Caryophyllus (* 22. März 1499 in Bietigheim; † 2. Februar 1537 in Magdeburg) war ein deutscher Astrologe, Mathematiker und Historiker." (Quelle: Wikipedia)

Johannes Carion (1499-1537) alias Johannes Nägelin war als Astrologe und Diplomat am Brandenburgischen Hof mit den Größen seiner Zeit bekannt: er war Tischgenosse Luthers und Freund Melanchthons. Mit letzterem war er Verfasser einer vielgelesenen Weltchronik.

Johannes Carion war ein gefragter Mann in seiner Zeit mit besten Verbindungen und großem Einfluss.

Am 22. März 1499 wurde er in Bietigheim ganz schwäbisch unspektakulär als Johannes Nägelin geboren. Er entstammte einer Zimmermannsfamilie, deren Nachkommen noch bis zum 30-jährigen Krieg in Bietigheim nachweisbar sind und in der "Vorstadt vor dem Unteren Tor" Wohnung und Werkstatt hatten - etwa dort, wo sich heute die Einfahrt zur Tiefgarage der Otto-Rombach-Bücherei befindet.

Er besuchte zunächst die Lateinschule, die sich noch unmittelbar am Kirchplatz befand, und deren harte Schulbank er gewiss gemeinsam mit dem nur wenig jüngeren Sebastian Hornmold gedrückt hat. 1514 immatrikulierte er sich an der Tübinger Landesuniversität, wo er u. a. den berühmten Mathematiker und Astrologen Johannes Stöffler hörte. Dort traf er auch auf den einige Jahre älteren Kommilitonen Philipp Melanchthon, dessen Weg er noch des Öfteren kreuzen sollte und mit dem ihn später eine freundschaftliche Beziehung verband.

Noch unter dem deutschen Namen "Nägelin" erschien bereits 1518 eine erste astrologische Schrift aus Carions Feder, die ihn schon als Astrologen des Markgrafen Joachim von Brandenburg ausweist: "Practica M. Joannes Nägelin von Bütighaim auff das 1519. jar".

Zwischen 1521 und 1526 folgten vier weitere "Prognostiken" (= Voraussagen), zum Teil in mehreren Ausgaben - nun unter seinem ins Griechische übertragenen Namen "Carion" (von Caryophyllon = Gewürznelke), aber weiterhin regelmäßig mit seiner Herkunftsbezeichnung "von Bütikein" oder lateinisch "Bütickheimensis". Die Graecisierung des Familiennamens war ein gern geübter Brauch der Intellektuellen jener Zeit, eine Huldigung an die Antike, die man in der Zeit der Renaissance und des Humanismus wiederentdeckt hatte und in all ihren Ausformungen verehrte.

Zielgruppe von Carions astrologischen Prophezeiungen waren aber nicht so sehr die gebildeten Kreise, wenngleich er gewiss auch hier auf wohlwollende Aufnahme hoffte. Er wandte sich mit seinen Schriften vielmehr ganz explizit an den "gemeinen Mann", schon deshalb verfasste er sie auch in deutscher Sprache.

U. a. sagte Carion für das Jahr 1524 eine "große Wässerung", eine Sintflut, "und anderer erschröckliche Würchungen" voraus, deren untrügliches Vorzeichen ein Komet im Jahre 1521 gewesen sei. Man erwartete damals allenthalben das Weltende und wollte wohlgerüstet für den jüngsten Tag sein. Im Gewand einer Fabel warnte Carion aber auch vor dem gerade ausgebrochenen Streit um den rechten Glauben: Die innerkirchlichen Auseinandersetzungen konnte leicht ein bedrohlicher äußerer Feind des Christentums, die heidnischen Türken, auszunutzen versuchen.

Carions bekanntestes Werk schließlich war seine "Chronica Carionis", eine erstmals 1532 in Wittenberg gedruckte Weltchronik, die bis zum 30-jährigen Krieg zahlreiche Neuauflagen erlebte und so etwas wie ein Bestseller dieser Zeit war. Gerade hier aber ist Carions Anteil umstritten, denn Philipp Melanchthon, dem er das Manuskript zur Durchsicht überließ, hat Carions Fassung wohl stark überarbeitet.

Neben seinen Fähigkeiten als Hofastrologe, die im übrigen nicht unumstritten waren und ihm den nicht ungefährlichen Vorwurf der "Nekromantie", der Geister- und Totenbeschwörung, einbrachten, bedienten sich Joachim I. von Brandenburg, dessen Sohn Joachim II. und Herzog Albrecht von Preußen Carions auch als Diplomaten. Sie entsandten ihn in den verschiedensten Missionen an die Höfe Europas und ließen ihn u. a. die Vermählung des Kurprinzen mit der polnischen Königstochter einfädeln.

Über Carions Verhältnis zur Reformation ist viel spekuliert worden. Die Reformation war zweifellos das zentrale Ereignis jener Zeit und hat die Gesellschaft in bis dahin nicht gekannter Weise gespalten. Seine geachtete Position am Hofe des vehementen Reformationsgegners Joachim I. und seine gleichzeitige Freundschaft nicht nur mit Melanchthon, sondern auch mit Luther selbst scheinen sich zunächst zu widersprechen. Hielt ihn die ältere Forschung für altgläubig bis religiös indifferent, so zeigt Carions Briefwechsel doch eine deutliche Aufgeschlossenheit gegenüber dem neuen Glauben.

Allein seine exponierte Stellung am Hofe mag ihn wohl zu einer gewissen Zurückhaltung im öffentlichen Bekenntnis zum neuen Glauben veranlasst haben. Als Vermittler zwischen dem evangelischen Wittenberg und reformatorisch gesinnten Kreisen am Brandenburger Hof wurde er gleichwohl tätig. 

Es war sein jäher und mit viel Spott bedachter Tod am 2. Februar 1537, der die Erinnerung an Johannes Carion vor allem für das später mehr oder weniger stark vom Pietismus geprägte Württemberg bis heute so schwierig gemacht hat: Johannes Carion wurde in Magdeburg Opfer eines Trinkgelages. Seine Grabinschrift, verfasst von Georg Sabinus, dem Schwiegersohn Melanchthons, lautete: "Dr. Johannes Carion, Vertilger ungeheurer Weinkrüge, Wahrsager aus den Gestirnen, hochberühmt bei Machthabern, ist beim Gelage im Wettkampf erlegen. Christus verzeihe gnädig dem so plötzlich aus dem Kreise der Zechenden Zusammengebrochenen." Und auch Luther selbst bemerkt spöttisch in seinen Tischreden: "Carion, ehemals mein Widersacher, hat einmal gewagt, den Tag und das Jahr vorauszusagen, an dem ich verbrannt würde, aber den Tag, an dem er sich so voll getrunken hat, dass er davon starb, hat er nie vorausgesagt."

Wenige Monate vor seinem Ableben war Carion noch einmal in privater Angelegenheit nach Württemberg gereist und hatte seine Heimatstadt besucht - warum wissen wir nicht. Vielleicht war der Grundbesitz, den er noch in Bietigheim hatte, Anlass für diese letzte Wiederkehr.

In seinem Roman "Am Himmel wie auf Erden" hat Werner Bergengruen die Biografie Johannes Carions literarisch verarbeitet.

Literatur:

Talkenberger, Heike: Sintflut. Prophetie und Zeitgeschehen in Texten und Holzschnitten astrologischer Flugschriften 1488-1528. Tübingen 1990

Fürst, Dietmar (Hrsg.): Johann Carion (1499-1537) - der erste Berliner Astronom. Vorträge und Schriften der Archenbold-Sternwarte Berlin-Treptow Bd. 67 (1988)

Kuhlow. Hermann F. W.: Johannes Carion (1499-1537). Ein Wittenberger am Hofe Joachim I.; In: Blätter für brandenburgische Kirchengeschichte 1982

Stern, Alfred: Carion; In: Allgemeine Deutsche Biographie

Impressum: © Stadt Bietigheim-Bissingen 2. verbesserte Auflage, 1999, 2000 Stck. (= Faltblatt des Stadtarchivs)

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