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Bietigheim-Bissingen 2007 |
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NAMENBUCH: ALLGEMEINE EINFÜHRUNG |
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1.1 Hintergründe von Straßenbenennungen 1.2 Grundsätzliches zu den Straßennamen 2. Straßennamen als Spiegel der (Bau-)Geschichte des Ortes 2.1 Bietigheim-Bissingen bis 1933 2.1.1 Bietigheim 2.1.2 Metterzimmern 2.1.3 Bissingen 2.1.4 Untermberg 2.2 Umbenennungen im und nach dem Dritten Reich 2.2.1 Bietigheim 2.2.2 Metterzimmern 2.2.3 Bissingen 2.2.4 Rück- oder Neubenennungen 2.3 Weitere Entwicklung bis zur Zusammenlegung von Bietigheim und Bissingen 2.3.1 Bietigheim 2.3.2 Metterzimmern 2.3.3 Bissingen 2.3.4 Untermberg 2.4 Zusammenlegung von Bietigheim und Bissingen zum 1. Januar 1975 2.5 Neue Entwicklungen nach der Zusammenlegung 3.1 Wandernamen und Straßenschicksale 3.2 Irrläufer 1. Allgemeine
Vorbetrachtung
1.1 Hintergründe
von Straßenbenennungen
Das jetzige Stadtgebiet von Bietigheim-Bissingen zeigt sehr schön, wie im Laufe der Geschichte Straßennamen in verschiedenen Siedlungsformen entstanden sind, haben wir es doch mit einer alten Stadt - Bietigheim - und drei früheren Dörfern zu tun, nämlich Metterzimmern, Bissingen und Untermberg. Während die Stadt Bietigheim schon im Jahre 1832 über Straßennamen verfügt, die auch auf Karten dokumentiert sind (Karte 01), reichen in den Dörfern lange Zeit Hausnummern aus. Auf den zeitlich entsprechenden Karten von Metterzimmern und Bissingen sind nur Straßennummern eingetragen (Karten 11 und 19). Wie Markus Otto[1][1] zeigt, existierten daneben auch in Bissingen schon Straßennamen, wie etwa "Vordere Gasse" für die jetzige Kreuzstraße, "Hintere Gasse" für die Brückenstraße, "Obere Gasse" für den östlichen Teil der jetzigen Jahnstraße und "Untere Gasse" für die jetzige Meierhofstraße und einen Teil der jetzigen Flößerstraße. Doch diese gebräuchlichen Namen werden am Ende des 19. Jahrhunderts für ungenügend befunden. Im Protokoll von Bissingen ist am 11. 1. 1879 von der Notwendigkeit der neuen Straßennamen die Rede. Anlass ist ein neues Feuerbrandversicherungsbuch, das mit "oberamtlichem Erlass" vom 27. 12. 1878 verfügt worden ist. Ausdrücklich heißt es dort, dass die Bezeichnungen "oben", "mitten", "unten im Dorf" nicht mehr genügten. Am 22. September 1879 diskutierte man übrigens die Kosten der neuen (etwa 20) Straßenschilder; das Vorbild Ludwigsburg empfand man als zu teuer, weswegen man den "Maler Dieterich" mit den neuen Schildern beauftragte. Im fast kalligraphischen Protokoll vom 24. 8. 1898 wird nochmals der Hintergrund für die Straßenbenennungen aufgezeigt. Es zeigen sich hier auch schon die ersten Umbenennungen: Protokoll Bissingen vom 24. 8. 1898 "§ 2 1. Die seitherige "obere Straße" und "Remminger Straße" werden zu einer Straße zusammengelegt u. soll fortan den Namen "Hauptstraße" führen. 2. Die Straße von Privatier Becks Haus bis zum Rathaus, welche seither die Bezeichnung "Bierbrauerei" hatte, soll künftig als "Rathausstraße" bezeichnet werden. 3. Die seitherige Badstraße, welche nur einige Häuser zält <sic!> u. eigentlich nur ein Hof ist, wird der "Ludwigsburgerstraße" einverleibt. 4. Die "Spitalstraße" erhält den Namen "Lerchenstraße". 5. Die Straße von dem Hause des Christian Scheuffele, Bauers, bis zum Hause des Christian Semmlers, Schlossers, welche bisher die Bezeichnung "bei der Leimengrube" hatte, erhält den Namen "Spitalstraße"." Auch in Metterzimmern werden, allerdings erst am 26. April 1934, Straßennamen eingefordert, ebenso aus Versicherungsgründen: "Anlässlich
der Durchführung der Neuschätzung zur Gebäudebrandversicherung im
Vorort muss die seitherige Nummerierung verlassen und eine solche nach
Strassen eingeführt werden. Zu diesem Zweck ist die Bezeichnung der Straßennamen haben also eine ganz handfeste Ursache. 1.2 Grundsätzliches
zu den Straßennamen
Grundsätzlich lassen sich zwei Arten von Straßennamen unterscheiden: Namen, die sich auf die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten beziehen, sozusagen "natürliche" Namen. Diese können mit Gebäuden zu tun haben, wie etwa Kirch- oder Turmstraße, sie können auf die örtliche Geographie Bezug nehmen, wie Enzstraße, oder die Gewann-Namen aufnehmen und damit die alten Flurbezeichnungen festhalten, wie etwa Gansäcker oder "In den neun/zehn Morgen", sie können aber auch den Zielort einer Ausfallstraße bezeichnen, wie etwa Besigheimer oder Tammer Straße. Die anfänglichen Namen sind nur natürliche, gewachsene Namen. Die andere Gruppe besteht aus Namen, die mit dem jeweiligen Ort im Grunde nichts zu tun haben, es sind also "künstliche" und damit völlig willkürliche Namen, wie etwa "Goethestraße" oder "Akazienweg". Sie können somit an beliebigem Ort verwendet werden. Da die Ehrungen von Persönlichkeiten der Stadtgeschichte in Bietigheim-Bissingen nie mit deren Geburtshaus, Wohnhaus oder Sterbeplatz zusammenhängen, sind auch diese Namen künstliche. Waren es am Anfang praktisch nur natürliche Namen, so nehmen die künstlichen Namen immer mehr zu, müssen das aus Mangel an natürlichen Gegebenheiten auch tun; allerdings werden aber auch in neuester Zeit natürliche Namen vergeben, wie z. B. beim "Oberen" oder "Unteren Kallmatenweg". Manchmal taucht in den Protokollen das bewusste Bestreben auf, alte Flurnamen auf diese Weise zu erhalten. Allgemeines Prinzip, d. h. auch in anderen Städten üblich, ist es, die künstlichen Namen in einem bestimmten Teil einer Stadt, etwa in einem Neubaugebiet, jeweils aus einem Themenfeld zu nehmen; Themenfelder sind z. B. Vogel- oder Baumnamen. Diese Themenfelder sollen die Orientierung in einem Stadtgebiet erleichtern. Und die Geschichte der Straßennamen zeigt, dass diese Themenfelder vom jeweiligen Zeitgeist abhängen. Man kann also oft über die Straßennamen das Alter des jeweiligen Wohngebiets erschließen. 2. Straßennamen
als Spiegel der (Bau-)Geschichte des Ortes
2.1 Bietigheim-Bissingen bis 1933
2.1.1
Bietigheim
Die Karte von etwa 1840 (Karte 01) zeigt vor allem das alte Bietigheim innerhalb der Stadtmauern mit den frühen vorstädtischen Bebauungen und dem Neubaugebiet der 30-er Jahre des 19. Jahrhunderts, dem Neuweiler. Die darin entstandene neue Straße heißt schlicht auch so: "Neue Straße". Die anderen Namen sind natürliche, wie z. B. Pfarrgasse, Kirchgasse, Keltergasse oder Löchgauer oder Besigheimer Straße. Noch im 19. Jahrhundert wuchs Bietigheim nach allen Richtungen: Die westliche Erweiterung erhielt Namen aus dem Gartenbereich: Es gab dort die Garten-, Blumen- und Rosenstraße. "Blumenstraße" und "Gartenstraße" sind auch die ersten protokollierten Namen, und zwar vom 14. Dezember 1878. Bei den weiteren Neubenennungen ist die Datierung schwierig; man kann oft nur den Stadtplänen entnehmen, welche Straßen zu einem bestimmten Zeitpunkt schon existieren. Im Nordosten entstand die Siedlung der Kammgarnspinnerei, die weitgehend mit der Adresse "Besigheimer Straße" auskam. Erst 1932 kam die Hermann-Vischer-Straße dazu. Im Süden, im Oberen Brühl, besteht keine erkennbare Namensgruppe. Hier sind zwar zwei Dichter beheimatet: Goethe und Schubart, außerdem werden eher natürliche Namen wie "In den zehn Morgen" oder "Forsthausstraße" verwendet, hier findet man den nach Hiller zweiten Bürgermeisternamen, Mezger, außerdem wurde Turnvater Jahn an der alten Turnhalle geehrt: "Jahnstraße", heutige "Obere Brühlstraße"; die letzten beiden wurden am 1. Juli 1931 benannt. Im Gebiet zwischen Altstadt und Bahnhof kamen neben den natürlichen Namen vor allem drei Namensgruppen zur Geltung, erstens im Streifelbachgebiet die Namen nationaler Größen, wie Bismarck, Moltke oder Hindenburg; auch ein Schlachtenort des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870/71, Champigny, kam zu Namensehren, weil dort 53 Bietigheimer am 30. November 1870 ins Gefecht gekommen waren[2][2]. Die frühe Geschichte des Aurains spiegelt sich heute nur noch in der Ringstraße. Wie man auf Karte 04 sehen kann, war 1891 dem Bogen des Bahndamms entlang eine kreisförmige Straße, eben die "Ringstraße", geplant. Neben der Mittelachse, der Bahnhofstraße, gab es noch zwei im rechten Winkel zusammenstoßende repräsentative Straßen, die Schiller- und die Goethestraße. Die Goethestraße fiel dann der Ansiedlung der DLW auf eben diesem Gelände zum Opfer; die Schillerstraße gab es tatsächlich, sie verlor bei der Zusammenlegung von Bietigheim und Bissingen ihren Namen und heißt heute "Im Aurain". Erst nach der Gründung der DLW entsteht hier im Aurain die Namengruppe der Personen aus der Geschichte der DLW; vor 1930: Nairn, Schoeller, Heilner und Albert Eber, und später – 1949 - Hans Stangenberger. Die dritte Namensgruppe bildeten damalige Herrschaftsgrößen mit Olga-, Wilhelm-, Augusta- und jenseits des Wobachs, auf Bissinger Markung, mit der Karl- und der Charlottenstraße. Da diese Namensgebungen nicht im Gemeinderatsprotokoll festgehalten sind, ist es hier schwer, festzustellen, welcher Karl und welcher Wilhelm gemeint war: König oder Kaiser? Roemer weist "Wilhelm" dem württembergischen König zu. 2.1.2
Metterzimmern
Über die Straßenbenennungen in Metterzimmern geben die Gemeinderatsprotokolle bis 1930, d. h. bis zur Eingemeindung, nichts her, auf jeden Fall wird keine Neu- oder Umbenennung im Register angeführt. Nach Hans Huber gab es Straßennamen in Metterzimmern erst seit der Eingemeindung Metterzimmerns nach Bietigheim. Und der Hintergrund der Straßennamen, der 1934 genannt wurde: "Gebäudebrandversicherung", wurde oben im Kapitel 1.1 schon ausgeführt. 2.1.3
Bissingen
Der alte Ortskern von Bissingen expandiert Ende des 19. Jahrhunderts in Richtung Süden, was am Gemeinderatsbeschluss vom 10. April 1884 deutlich wird:
Im oben (Kapitel 1.1) angeführten Protokoll vom 24. August 1898 wird klar, dass sich Bissingen zu dieser Zeit bis zur heutigen Gerokstraße, der damaligen Gartenstraße und ihrer östlichen Verlängerung, der umbenannten Spitalstraße, ausdehnt. Der nächste Schritt Uhlandstraße (heute der Anfang der Blumenstraße) und eben der Blumenstraße erfolgt Ende der 20-er Jahre (3. 2. 1928 –Uhlandstraße - und 24. 10. 1929: Blumenstraße). Die Erweiterung des Ortsgebiets über die Ludwigsburger Straße hinweg setzt mit der Leintalstraße am 9. Juli 1925 ein und wird dann am 29. September 1932 mit der Friedrichstraße, der Schubartstraße und der Gottlob-Grotz-Straße fortgesetzt. Die letzte Neubenennung am 3. März 1933, vor der bald einsetzenden Umbenennungswelle des Dritten Reichs, zeigt, dass der alte Kern auch nach Westen expandiert hat; es entstehen hier nämlich die Karl-Rommel-Straße und die Remminger Straße, deren Name ja am 24. August 1898 frei geworden war. Auf halbem Weg zwischen altem Ortskern und Bahnhof entstand am 24. Oktober 1929 die Rosenstraße. Das Prinzip der Namengebung scheint also zu sein, natürliche Namen zu bevorzugen (Leintal, Remmingen), dann neutrale Namen zu verwenden (Garten, Blume, Rose, auch: Lerche), manche Bissinger Firmen zu ehren (Gottlob Grotz, Karl Rommel) und außerdem, aber unsystematisch, sich der Dichter zu bedienen (Uhland, Schubart). Namen von politischen Größen gibt es im alten Ort auffallend selten: nur "Friedrich". "Karl" und "Charlotte" werden in der Parzelle verwendet. 2.1.4
Untermberg
In den Protokollen von Untermberg spielen Straßenbenennungen keine Rolle. Es findet sich nur eine Notiz am 17. August 1945: "§
9 Damit greife ich aber schon aufs nächste Kapitel vor: 2.2 Umbenennungen
im und nach dem Dritten Reich
2.2.1
Bietigheim
Die Karte von 1940 (Karte 02) zeigt die weitere Entwicklung bis dahin und vor allem die Umbenennungen, die im Dritten Reich erfolgt sind. In der Altstadt verlor die Hauptstraße schon am 29. März 1933 ihren Namen und wurde zur Adolf-Hitler-Straße. Im Bereich der bestehenden Bebauung der Altstadt wurde ebenfalls am 29. März 1933 die Blumenstraße (jetzige Paul-Bühler-Straße) in Dehlingerstraße umbenannt, die folgenden Namen wurden bei neu entstandenen Straßen verwendet: Hermann-Reiner-Straße (seit 5. Mai 33, jetzt Gänsfußweg), Dietrich-Eckart-Straße (jetzt Lenbachweg) und Schlageterstraße (Spatzenäckerweg), und mit diesen beiden kam am 3. Dezember 1937 der Hitlerjunge Fritz Kröber am Südrand der Altstadt zu Namensehren. Einen geschlossenen Bereich von Namen der Nazizeit gab es im Sand, wo die Stadt bei einem Teil der Straßen Namensrecht hatte und dafür damals "politisch richtige" Namen verwendete, nämlich (von Osten nach Nordwesten): Ludendorff (am 8. November 1938, jetzt Wachtelweg), und alle folgenden am 6. November 1936: Richthofen (jetzt August Bebel), Weddigen (jetzt Stauffenberg), Gustloff (jetzt Starenweg), Kurt Plank (jetzt Drosselweg), Norkus (jetzt Reiherweg) und Karl Peters, dessen Name, wie man weiß, erhalten blieb. An das Sudetenland (jetzt Friedrich Naumann) und die Schlacht von Tannenberg (jetzt Bolz) erinnerte man hier ebenfalls seit dem 6. November 1936. Beide Namen wandern später ins Buch! Die von der DLW zu benennenden Straßen wurden ab 26. Juli 1935 aus dem Themenfeld "Vogel" genommen, an das man sich dann auch nach 1945 wieder gehalten hat. Nach dem Anschluss Österreichs gab es am 4. April 1938 noch eine kleine Welle von Neubenennungen ums Krankenhaus herum: die Ostmark-Straße (vorher und nach 1945 Champignystraße, jetzt Rathenaustraße), die Kärntnerstraße (vorher Hohenzollernstraße, jetzt weggefallen, weil vom neuen Krankenhaus überbaut) und die Steiermarkstraße (jetzt Sandgrubenweg). Da auf dem Schillerplatz Kundgebungen stattfanden, wurde er am gleichen Tag zum "Platz der SA" umbenannt. Im Aurain gab es ebenfalls schon seit dem 29. März 1933 die Wilhelm-Murr-Straße (vorher und jetzt wieder die Olgastraße) und die Mergenthalerstraße (vorher und nach 1945 die Augustenstraße, jetzige Hans-Stangenberger-Straße); und jenseits der Bahnlinie hatte man am 5. Mai 1933 einen besonders treuen Nazi geehrt, den Arbeiter Theo Gloth. Das Gemeinderatsprotokoll vom 5. Mai 1933 hält dazu fest:
Am 19. Mai 1933 bedankt sich Theo Gloth mit "Heil Hitler allezeit" für die ihm widerfahrene Ehrung. Die Theo-Gloth-Straße ist jetzt der Anfang der Rohräckerstraße. Offensichtlich war man 1933 allzu großzügig mit Ehrungen lebender Nazi-Größen gewesen, was bei der Benennung der Horst-Wessel-Straße, der heutigen Hornmoldstraße, besonders deutlich wird: 1934 sollte Hindenburg mit einer richtigen Straße geehrt werden; dazu wurde die alte Gartenstraße umbenannt, da die bisherige Hindenburgstraße zu unbedeutend war, denn dort stand erst ein einziges Haus. Und der offiziellen Erklärung der Namengebung der "Horst-Wessel-Straße", so der neue Name der bisherigen Hindenburgstraße, kann man deutlich die Freude entnehmen, dass man zwar dem Buchstaben entsprach, aber doch im alten Geist verfuhr, nämlich die aktuellen Größen zu ehren:
Anlässlich der Namenstilgung von Horst Wessel am 27. Juli 1945 entzog man dann – vermutlich um über den Gleichklang von Horst und Hornmold sich die Umbenennung leichter merken zu können – der bisherigen Hornmoldstraße ihren Namen und übertrug ihn auf die bisherige Horst-Wessel-Straße - und benannte die bisherige Hornmoldstraße in "Kurze Straße" um. Eine Parallele weist die Bissinger Horst-Wessel-Straße auf, die dann zur Lessingstraße wurde. - Hornmold gehört eigentlich als Größe der Bietigheimer Geschichte auf die Lug. 2.2.2
Metterzimmern
Metterzimmern (Karte 12) war ebenso von Umbenennungen betroffen. Auch hier wurde die alte Hauptstraße, deren westliches Stück vor dem 29. März 1933 Kelterstraße hieß, zur Adolf-Hitler-Straße (am 16. Mai 1945 wieder Hauptstraße, jetzt Mozart- und Rathausstraße), zur selben Zeit die dortige Gartenstraße – wie in Bietigheim – zur Hindenburgstraße und die Ebertstraße zur Hermann-Göring-Straße (jetzt Haydnstraße). 2.2.3
Bissingen
Auch in Bissingen (s. Karten 15 und 20) galten die ersten Umbenennungen Adolf Hitler, wobei es sowohl eine Straße als auch einen Platz des Namens gab. Über die Adolf-Hitler-Straße vermerkt das Protokoll vom 18. März 1933: "§ 15 Vom Gemeinderat wird mit 7 gegen 3
Stimmen Diese Straße war die nördliche Parallelstraße neben der Bahnhofstraße bei den heutigen Neckarwerken, heute unbenannt, da der Entnazifizierungs-Namen "Max-von-Eyth-Straße" gewandert ist. Und das untere Ende der Kreuzstraße war der Adolf-Hitler-Platz. Hierzu heißt es im Protokoll vom 30. März 1933: "Gleichzeitig <Bürgermeister Kälble hatte vom Ortgruppenleiter ein 'Bild des Führers des neuen Deutschland als Geschenk der hiesigen Ortsgruppe der NSDAP in die Obhut der Gemeinde' übernommen> beantragt GR. Böhringer aus diesem Anlass den früher von den KPD-Mitgliedern und ihren Anhängern als öffentlicher Verhandlungs- u. Versammlungsort benützten Platz an der Kreuzstrasse 'Adolf-Hitler-Platz' und den schönen zu einer öffentlichen Anlage herangebildeten Platz zwischen Ludwigsburger- und Tammerstrasse beim Anwesen des Karl Scheible 'v. Hindenburgplatz' zu benennen und so zu kennzeichnen. Diese Anträge wurden vom Gemeinderat einstimmig angenommen und zum Beschluss erhoben." Im Ortskern (Karte 20) wurden neben Hitler nur zwei Nazis geehrt: Hans Schemm (jetzt Gustav-Mahler-Straße) und Christian Mergenthaler (jetzt Kantstraße), wobei die Hans-Schemm-Straße nur eine Notlösung war, weil man die Frauenstraße nicht neu nummerieren wollte. Christian Mergenthaler bekam zusammen mit Wilhelm Murr Ende des Jahres 1933 jeweils eine neue Straße mit folgender Begründung (Protokoll vom 14. Dezember 1933): "§ 1 1. die Strasse in Bruchwaldegarten zu Ehren unseres Reichsstatthalters 'Wilhelm-Murr-Strasse' und die Strasse in Barchetäcker zu Ehren unseres Ministerpräsidenten 'Chr. Mergenthaler-Strasse' zu benennen. 2. Hiezu die Genehmigung des Reichsstatthalters und des Ministerpräsidenten einzuholen." Die Wilhelm-Murr-Straße (s. Karte 16) war die jetzige Johann-Sebastian-Bach-Straße. Sie bildete keine Namensgruppe in ihrem Neubaugebiet, wie ja auch Bach heute praktisch keinen Musiker-Kollegen in der Gegend hat. In der "Parzelle Bahnhof Bietigheim", d. h. dem östlichsten Teil von Bissingen am Bahnhof, zwischen Wobach und Rosenstraße (Karte 15), versammelte sich nach und nach, was damals Rang und Namen hatte: Ab dem 26. Mai 1936 gab es die Horst-Wessel-Straße (jetzt Lessingstraße), die Julius-Schreck-Straße (jetzt Keplerstraße) und die Wilhelm-Gustloff-Straße (nach 1945 erst Mozart-, jetzt Eckenerstraße). Am 15. Juli 1936 folgten die Rudolf-Hess-Straße (jetzt Fichtestraße) und die Joseph-Goebbels-Straße (jetzt Mörikestraße), die im Protokoll durchweg "Josef Göbbel-Strasse" heißt. Die Hermann-Göring-Straße (jetzt Kernerstraße) und die Herbert-Norkus-Straße (jetzt Friedrich-Silcher-Straße) folgten am 19. August 1937. 2.4 Rück- oder Neubenennungen
Fast alle diese Straßen erhielten nach dem 8. Mai 1945 neue (oder wieder ihre alten) Namen, wobei das in Bietigheim nicht auf einen Schlag erfolgte. Die erste Welle am 16. Juni 1945 erfasste die früher Großen, in der zweiten Welle am 13. November 1947 wurden dann Namen wie Richthofen und Weddigen beseitigt, wobei manche so weit gehen wollten, auch gleich noch Bismarck und Moltke abzuschaffen; aber die Ersetzung Bismarcks durch Siemens fand keine Mehrheit. Protokoll Bietigheim 16. 6. 45 "§ 4 Die Einführung der neuen Strassennamen erfolgt nach vorheriger Anhörung eines Ausschusses.
Vorort Metterzimmern
Protokoll Bietigheim 27. 7. 45 "§ 2
Protokoll Bietigheim 31. 8. 45 "§ 7
Protokoll Bietigheim 13. 11. 47 "§ 6 Der Verwaltungsausschuss Dem Gemeinderat wird vorgeschlagen, die Bismarck- und Moltke-Strasse zu belassen und im übrigen folgende Umbenennungen vorzunehmen.
Protokoll Bissingen 9.7.45 "§ 2 Es ergeht
daher folgender
2.3 Weitere
Entwicklung bis zur Zusammenlegung von Bietigheim und Bissingen zum 1.
Januar 1975
2.3.1
Bietigheim
Um die Altstadt ergibt sich zunächst noch kein deutliches Namensbild (Karte 03): Nach Westen und Norden ist aber mit Gustav Schönleber, Ernst Essich, Erwin Bälz und Carion die später wichtige Gruppe: Gestalten aus Bietigheims Geschichte angebahnt. Am 28. Januar 1959 wird über die Frage der richtigen Benennungsgruppe debattiert; man ist der Meinung, dass in dieses Gebiet Personennamen gehören. "Carl Schumacher" und "Karl Melchior" finden keine Zustimmung, lediglich "Friedrich Grimm" kommt hier zum Zuge. "Neutraler als diese Bietigheimer Familiennamen sind Namen bedeutender Maler, die hierher passen, nachdem der Bietigheimer Maler Gustav Schönleber in diesem Gebiet schon verewigt ist", heißt es dazu im Protokoll. In derselben Sitzung befindet man auch: "Im Übrigen sind geographische Namen in jeder Hinsicht neutral und Personennamen vorzuziehen." Man sieht, das ist ein deutlicher Ausdruck des damaligen Zeitgeistes, der den Personenkult im Jahrzehnt vorher noch gut in Erinnerung hatte. Deshalb kommt es zur Gruppe Heuchelbergstraße, Strombergstraße und Helenenburgweg. Im Sand (Karte 08) fliegen vermehrt die Vögel, da man hier ja etliche Straßen entnazifizieren musste: Neu sind Drossel, Star, Wachtel und Reiher. Als zweite Gruppe entstehen die Politiker der Weimarer Republik und/oder Widerstandskämpfer: Rathenau, Friedrich Ebert, Friedrich Naumann, August Bebel, Stresemann, auch Bolz, Stauffenberg und Goerdeler. Dass im Gemeinderat am 25. September 1984 dafür plädiert wird, "im zukünftigen Baugebiet nördlich der Löchgauer Straße die Widerstandskämpfer aus dem Dritten Reich für Straßennamen" zu verwenden, zeigt, dass die vorhandenen Namengruppen dem Beschlussgremium nicht immer bewusst sind. Das hauptsächliche Expansionsgebiet Bietigheims in der Nachkriegszeit ist das Buch. Wie man auf der Karte 10 sehen kann, wachsen hier zwei Namensfelder im Laufe der Zeit auf einander zu. Das ältere geht von der Gartenstraße aus und erhält Blumennamen (zunächst Veilchen und Tulpe), das andere entwickelt sich beidseits des östlichen Teils des Gröninger Wegs und erhält Namen, die mit den verlorenen Ostgebieten zusammenhängen: Sudeten- und Schlesierstraße; an Breslau, auch Danzig, Königsberg, Memel und Tilsit wird erinnert. Um den Namen "Hans Kudlich" entspannt sich am 9. Februar 1954 eine heftige Diskussion: Dr. Edmund Mansbart kämpft heftig für ihn als den bekannten Freiheitskämpfer aus dem Sudetenland, Gemeinderat Widmaier hält dagegen, dass sich nicht nur Neubürger, sondern auch Einheimische etwas unter dem Namen vorstellen können sollten. An anderer Stelle (8. Oktober 1959) werden auch gegenseitige Animositäten der Vertriebenengruppen deutlich, wenn Dr. Mansbart die Ostpreußen für überrepräsentiert hält. Als Mitte der 60-er Jahre das Buch südlich des Gröninger Wegs erweitert wird, erstellt Gemeinderat Unkauf eine Liste deutscher Städtenamen, aus der man dann Dresden, Frankfurt, Erfurt, Berlin, Weimar, Leipzig und Görlitz auswählt. Dabei schillert der Name "Frankfurt". Aus Unkaufs Liste, die auch die Namen Mainz, Köln, Bremen und Hamburg enthält, ist zu entnehmen, dass er einfach deutsche Städte im Blick hatte, die ordnende Hand – aus den Protokollen aber nicht entnehmbar – hat dann vor allem Namen aus der damaligen DDR ausgewählt, so dass bei Frankfurt wohl eher an Frankfurt an der Oder gedacht werden sollte. Im nächsten Schub werden dann 1967 Bietigheims Partnerstädte bedacht: Camberley, Kusatsu und Sucy-en-Brie, auch Zuckmantel. Dabei verliert die vorgesehene Leipziger Straße ihren Namen zugunsten von Frimley, und die Sucy-en-Brie-Straße wird zur Sucystraße vereinfacht. Damit ist die Entwicklung des Buchs vor der Zusammenlegung von Bietigheim und Bissingen (1. 1. 75) im Wesentlichen abgeschlossen. 2.3.2
Metterzimmern
In den späten 60-er Jahren erhält Metterzimmern neben natürlichen Namen wie "Nonnenhofstraße" zwei Namengruppen: Im Westen werden Musiker geehrt: Mozart, Silcher (jetzt Spranger), Haydn, später noch Beethoven; im Norden und Osten entwickelt sich etwas Ähnliches wie in Bietigheim um die Gustav-Schönleber-Straße: Um den früheren Metterzimmerer Pfarrer Flattich werden nämlich weitere Helfer der Menschheit, wie Pestalozzi, Fröbel, Gustav Werner, Kolping, Albert Schweitzer oder Comenius angesiedelt. 2.3.3
Bissingen
Der oben (Kapitel 2.1.3) beschriebene Ort Bissingen entwickelt sich zunächst nach Osten weiter ins Leintal und nach Süden in die Wanne (s. Karte 21). Das Leintal erhält zu einem natürlichen Namen, eben Leintalstraße (schon seit 9. 7. 1925), um den Kristallisationskern Schubart (ebenfalls schon seit 29. 9. 1932) herum Dichternamen: Hans Sachs (16. 7. 1956), Gerhart Hauptmann, Ernst Wiechert (19. 5. 1958) und Hermann Hesse (7. 3. 1960). Ein später Nachfolger wird dann 1988 Adalbert Stifter, der sich gegen den Vorschlag "Arno Schmidt" durchsetzen kann. Für die Wanne werden 1964 "Vogelnamen oder Namen von umliegenden Gemeinden" vorgeschlagen, wobei die Vogelnamen die Mehrheit finden. Und hier ist dem Bissinger Gemeinderat am 23. November 1964 eine sinnvolle, d. h. nachvollziehbare Anordnung gelungen: Der Amsel-, Drossel-, Finken- und Starenweg lagen genau in dieser vom Lied her bekannten Reihenfolge, was man ja bei den ablösenden Namen nach 1974: Forchenweg, Eschenweg, Holderweg und Kastanienweg nicht mehr sagen kann. Damit klingt schon an, dass bei der Zusammenlegung alle Bissinger Vögel zu Bäumen wurden. Dem Buch vergleichbar dehnt sich Bissingen zwischen der alten Parzelle des Dritten Reichs und dem Saubach in mehreren Schüben aus. Der erste Schub ist in den 50-er Jahren das Gebiet östlich des Ziegelbergs, für das vor allem natürliche Namen verwendet werden: Ziegelberg, Vogelsang, Bruchwald, Wald, Allee. "Johann-Sebastian-Bach" wird dann später völlig aus der Namenssystematik herausfallen. Im Gebiet nördlich der Panoramastraße wurde am 9. Juli 1945 die "Adolf-Hitler-Straße" durch "Max-von-Eyth-Straße" ersetzt. 1954 wanderte der Name dann nach Westen (ohne "von") und bildete mit Zeppelin zusammen den Kern der Namen aus der Technikgeschichte, die ja auch zur Ortsgeschichte von Bissingen gehört. So lassen sich die Namen Ernst Heinkel und Wolf Hirth (beide: 7. 3. 1960), Maybach (4. 8. 1958) und Eckener (erst nach der Zusammenlegung) verstehen. An den Rand gedrängt wurde bei dieser Namengruppe Adolf Heim (erst 13. 12. 1988); am Rand befinden sich auch Daimler (7. 3. 1960) und Carl Benz (25. 11. 1980), was hierzulande bei Carl Benz, einem badischen "Ausländer", ja noch einleuchten mag. In den 60-Jahren kamen nördlich der Panoramastraße im Umfeld der Martin-Luther-Kirche Personen der Reformationsgeschichte zu Ehren: Paul Gerhardt (4. 10. 1966), Melanchthon (22. 1. 1970), Brenz und natürlich Martin Luther selbst (beide am 7. 3. 1960). Martin Luther war am 22. 10. 1951 schon Alternativvorschlag für die Gerokstraße, unterlag damals aber mit 5 zu 7 Stimmen. Im Süden der Panoramastraße hatte sich Bissingen anfangs der 60-er Jahre für die Ostgebiete entschieden; hier gab es eine Breslauer (jetzt Rilke), Danziger (jetzt Fontane), Königsberger (jetzt Kästner) und Egerstraße (jetzt Hauff). Wie erkennbar, konkurrierten diese Namen mit den entsprechenden von Bietigheim. 2.3.4
Untermberg
Auch Untermberg expandierte. Das Gebiet "Im Krautgarten" erhielt 1968 neben diesem natürlichen Namen die Namen von Rebsorten: Trollinger, Riesling, Burgunder und Silvaner. Mit dieser Gruppe konnte man bei der Zusammenlegung auch die Friedhofstraße durch Traminerweg ersetzen und auch weiterhin bis in die neueste Zeit expandieren: erst Ende der 60-er, anfangs der 70-er Jahre durch Ruländer und Lemberger und nach 2000 durch Portugieser, Dornfelder, Bacchus, Muskateller und Samtrot. 2.4 Zusammenlegung
von Bietigheim und Bissingen zum 1. Januar 1975
Bei der Zusammenlegung sind vor allem die beiden Namensgruppen der Vögel und der Ostgebiete betroffen, die großflächig von zwei anderen Gruppen ersetzt werden, die Bissinger Vögel durch Bäume und die Bissinger Namen aus den Ostgebieten durch Dichter ohne deutlichen Zusammenhang: Rilke, Fontane, Kästner und Hauff. Dadurch gibt es in Bissingen zwei von einander getrennte Gebiete mit Dichternamen – und im Gesamtort Bietigheim-Bissingen mit der Lehmgrube sogar drei. Daneben gibt es noch kleinere Besonderheiten und zwei bewusste Schwierigkeiten. Bei den kleineren Besonderheiten wäre zu vermerken, dass man offensichtlich im Zuge der Zusammenlegung auch sprachreinigend wirken wollte: Für "In den Fressäckern" wurde "Wildäcker" vorgeschlagen, aber einen Monat später wieder zurückgenommen. Beide früheren Goethestraßen sind eigentlich "unterrepräsentierend"; Bissingen konnte sich der seinigen entledigen und nannte sie erst Karl-Eugen-Straße. Da man aber nicht mehr so genau wusste, wer mit "Karl" eigentlich geehrt werden sollte, möglicherweise doch Herzog Carl Eugen, wurde aus der Karl-Eugen-Straße kurzerhand die Prinz-Eugen-Straße, mit dem das württembergische Bissingen eigentlich nichts zu tun hat. Bei der Umbenennung der Bissinger Vögel hat man das System beachtet, denn man hat den "Fasanenweg" in "Platanenweg" umbenannt – man beachte den Klang! - , obwohl es in Bietigheim keinen Fasanenweg gab. Der Bietigheimer Birkenweg sollte erst zum "Dachsweg" werden; vermutlich haben Klanggründe dazu geführt, einen "Iltisweg" vorzuziehen. Klanggründe waren wohl schon bei der Umbenennung nach dem Dritten Reich (s. Kapitel 2.2.1) wichtig, denn aus der Bietigheimer Horst-Wessel-Straße wurde die Hornmoldstraße und aus der entsprechenden Bissinger Horst-Wessel-Straße die Lessingstraße. Die beiden Schwierigkeiten, die auch zu größeren Diskussionen führten, waren die Kelterstraße und die Holzgartenstraße, zwei sehr natürliche Namen. Im Falle der Kelterstraße wurde das Problem so gelöst, dass der Ortsteil den Namen behalten konnte, der seine Kelter vorher abgerissen hatte; in Bietigheim lebt die alte Kelterstraße durch "Bei der Kelter" weiter. In beiden Ortsteilen gab es einen Holzgarten, so dass beide einen berechtigten Anspruch auf den Namen hatten; hier erhielt dann Bissingen die Flößerstraße, was wohl eine gute Lösung des Problems darstellt. 2.5 Neue
Entwicklungen nach der Zusammenlegung
Die Zeit nach der Zusammenlegung ließ sich in Bissingen, Untermberg und Metterzimmern durch Ausbau der bestehenden Namensgruppen gut meistern, Bäume gibt es genug, auch wenn von Dr. Halla am 16. März 1993 der Baumcharakter der Schlehe in Zweifel gezogen wurde. Sein Gegenvorschlag "Speierlingweg" oder "Sperbelweg" fand keinen Anklang. In Untermberg gehen vielleicht erst in Zukunft die Rebsorten aus, und in Metterzimmern eröffnete man nach Norden eine neue Gruppe mit nördlichen Nachbarorten: (Hohen-)Haslach, Freudental, Rechentshofen, Kirbachhof und Weißenhof. In Bietigheim wurde die Not größer. In dem großen Neubaugebiet des Siechenweingarts wurden zunächst weitere Größen der Bietigheimer Geschichte geehrt: Altbürgermeister Schmidbleicher, Antonia Visconti, Hans Voelter, Aberlin Jörg, Hermann Roemer, (Ottmar – im Dritten Reich war es Christian!) Mergenthaler, Karl Gärttner, Hermann Rombach und Oberförster Fribolin. Der anfangs geplante natürliche Name "Siechenweingartweg" wird zum bloßen "Weingartweg" geschönt. Am 24. September 1991 wird festgehalten, dass die ältere Stadtgeschichte keine geeigneten Persönlichkeiten mehr enthalte und man deshalb auf "geehrte Bürger der neuen Stadtgeschichte" zurückgreifen müsse. Dieser Sicht verdankt eine Reihe von Straßen der oberen und westlichen Lug ihre Namen: Emil Klumpp, Emil Unkauf, Paul Heidelbauer und Edmund Mansbart, auch Liese Sauter und Hermann Blum. Bei Liese Sauter spielt dann auch der Feminismus eine Rolle: Hier wurde im Zuge der Emanzipation ebenfalls eine Straße statt eines Weges angemahnt. Dem Wunsch wurde entsprochen. Südlich der Löchgauer Straße kamen in den 80-er Jahren nach Gustav Schönleber (schon 14. 5. 1930) und Hans Thoma (13. 2. 1959) weitere Maler zu Ehren: Max Liebermann, Adolph von Menzel, Wilhelm Leibl, Carl Spitzweg und Ludwig Richter. Der Nelkenweg hatte schon 1954 aus Systematikgründen (Franz) Lenbach Platz machen müssen. Das Gebiet der Lehmgrube hüllt sich bezüglich der Aktenlage in Schweigen. Am 2. Mai 1961 gab es noch den Beschluss, wegen der Nähe zur Goethe- und Schubartstraße Dichternamen zu wählen. Es hieß sogar: "In erster Linie sollten schwäbische Dichter ausgewählt werden, die Beziehung zu unserer engeren Heimat haben." Das führte zur Wahl von Hölderlin. Aber später hat man diesen Beschluss wohl vergessen. Am Ende – und bei den ersten dreien ohne Niederschlag in den offiziellen Protokollen – ehrte man hier Heinrich Heine, Bertolt Brecht, Thomas Mann und jenseits der Pforzheimer Straße Ricarda Huch; immerhin, Bertolt Brecht kann man ja als gebürtigen Augsburger zur Not noch als Schwaben bezeichnen. Südlich der Bahnlinie nach Pforzheim wurde am Jahrtausendende ein neues Wohngebiet, die Kreuzäcker, erschlossen. Die Namen dieses Gebiets kommen aus dem Bereich der modernen Wissenschaft, mit verstärkter geschlechtlicher Correctness, wie es dem neuen Geist entspricht. Neben den alten Männern Albert Einstein, Alexander Fleming, Max Delbrück, Conrad Roentgen, Max Planck, Paul Ehrlich, Otto Hahn und Max Born befinden sich auch die jungen Frauen Maria Merian, Elfriede Aulhorn, Freda Wüsthoff, Emmy Noether, Lise Meitner und Marie Curie. - Konrad Lorenz und Robert Mayer sind seit 27. Januar 2004 auch schon beschlossen. In den Gewerbegebieten Seewiesen und Büttenwiesen bezeichnete man die Straßen mit Namen von Orten des Kreises Ludwigsburg. Ausgangsstraße war die Geisinger Straße, es folgten die Beihinger und Heutingsheimer; die "Marbacher Straße" hatte wegen des Bissinger "Marbacher Wegs" zur "Freiberger Straße" werden müssen. Fortgeführt wurde die Gruppe durch Hoheneck, Kirchheim, Höpfigheim, Mundelsheim und Pleidelsheim. Das Wohngebiet Buch, das im Süden die Markungsgrenze schon erreicht hatte, wird nun nach Osten bis zur Markungsgrenze erweitert. Die Namen gingen hier aus von den beiden natürlichen Namen "Parkäckerstraße" und "Wilhelmshofstraße", um die sich die Namen von Barockschlössern des Kreises gruppierten: Monrepos, Favorite, Solitude und Diana (vom Diana-Schlösschen südlich des Brandholzes). 3. Kurioses
und Schluss
3.1 Wandernamen
und Straßenschicksale
Wenn man sich mit den Straßennamen beschäftigt, begegnet einem ein erstaunliches Phänomen, nämlich die wandernden Straßen, d. h. Straßennamen, die es früher einmal im Ortsgebiet gab, die später an ganz anderer Stelle wieder auftauchen. Manchmal ist die Wanderschaft politisch motiviert, wie im Falle von Gartenstraße - Hindenburgstraße - Hornmoldstraße oder der Friedrich-Ebert-Straße. Den Namen "Gartenstraße" gab bzw. gibt es im Gebiet von Bietigheim-Bissingen viermal - aber die heutige Gartenstraße hat mit den anderen drei Straßen dieses Namens nichts zu tun. Die heutige ist eine Neuerrungenschaft der Nachkriegszeit, benannt am 9. Februar 1954; in ihrem Umfeld galt dann die Namengruppe "Blumen" (Veilchen, Tulpen etc.), wobei die Blumen- und die Rosenstraße bei der Zusammenlegung in Bissingen blieb. Bissingen verlor seine Gartenstraße im Zuge der Zusammenlegung zum 1. Januar 1975. Damals wurde die Gerokstrasse nach Westen verlängert, so dass die alte Gartenstraße den Anfang der heutigen Gerokstraße bildet. Die Spitalstraße wurde ebenfalls in die Gerokstraße einbezogen, und erst östlich der Ludwigsburger Straße fallen alte und neue Gerokstrasse zusammen; allerdings musste damals umnummeriert werden. Im Bereich von Bietigheim hängt der Name "Gartenstraße" mit der "Hindenburgstraße" und der "Hornmoldstraße" zusammen. Ursprünglich hieß die heutige Hornmoldstraße Hindenburgstraße; sie wurde aber am 5. April 1934 umbenannt. Dazu sei der damalige Beschluss zitiert: "§
10. Verbindungsstrasse
Bietigheim-Metterzimmern
von der
Bietigheimer Seite wieder ein Stück vorangetrieben worden. Ein weiterer
Angriff auf dieses Projekt sollte nun auch von Metterzimmern her eingeleitet
werden, was durch Anlegung eines Auffüllplatzes in der östlichen Verlängerung
der Hindenburgstrasse im Vorort <damalige Bezeichnung von
Metterzimmern!> geschieht. Zur Durchführung dieses Plans ist der
entsprechende Geländeerwerb notwendig. Ein nächstgelegener Auffüllplatz ist
für den Vorort sowieso erforderlich. Es ist daher naheliegend, die notwendige
Dammauffüllung für die Verbindungsstraße mit dem Auffüllplatz in Verbindung
zu bringen. Der Gemeinderat Hindenburgstrasse
umzubenennen
und der seitherigen Hindenburgstrasse, an welcher erst 1 Neubau erstellt
worden ist, einen anderen Namen zu geben. Wenn sich auch der Gemeinderat
nicht gern mit weiteren Strassenumbenennungen beschäftigt, so wird aus dem
Grunde, weil für die Umbenennung der Hindenburgstrasse, so lange sie noch
unbebaut ist, keine besonderen Kosten entstehen, vom Vorsitzenden empfohlen,
diese Umbenennung jetzt schon vorzunehmen, weil zu erwarten ist, dass die
seitherige Hindenburgstrasse nun rasch angebaut wird und deren spätere
Umbenennung viel höhere Kosten verursachen würde. Und am 26. April 1934 wird dann in diesem Sinne entschieden (s. o. Kap. 2.2.1, Benennung der Horst-Wessel-Straße); damit ist die Wanderung der "Hindenburgstraße" und die Verdrängung der alten Gartenstraße innerhalb Bietigheims abgeschlossen. Die Entwicklung des Namens
"Gartenstraße" ging also folgendermaßen vonstatten: Friedrich Ebert wurde im heutigen Stadtgebiet
mehrfach geehrt. In Bietigheim war die erste Ebertstraße der heutige Anfang
der Rohräckerstraße, im Dritten Reich die Theo-Gloth-Straße. Außerdem gab es
in Metterzimmern eine Ebertstraße, die im Dritten Reich zur
Hermann-Göring-Straße wurde. Sie wurde am 16. Juni 1945 erst zur Nordstraße,
dann auf den Wunsch der Anwohner am 21. Juni 1946 wieder zur Ebertstraße;
auch diese Ebertstraße fiel – wie die Hindenburgstraße – der Konkurrenz zu
Bietigheim zum Opfer. Die heutige Friedrich-Ebert-Straße im Sand begann ihre
Existenz als Kirschenweg und wurde erst am 28. November 1947 umbenannt. Weitere politisch motivierte Wanderstraßen sind die Sudetenstraße und die Tannenbergstraße. Die beiden waren im Dritten Reich Parallelstraßen im Sand (jetzt Friedrich-Naumann-Straße und Bolzstraße) und verloren ihre Namen am 28. November 1947. Vielleicht war Dr. Mansbart mit der Straßennamengeschichte von Bietigheim nicht sehr vertraut, oder es war ihm einfach wichtiger, das Sudetenland in einem wichtigen Namen zu erhalten; denn die Sudetenstraße ist eine größere Straße im Buch. - Und wahrscheinlich war bei der Benennung der Tannenbergstraße am 28. März 1958 den Beschließenden auch nicht bewusst, dass man den Namen ja erst vor etwas mehr als zehn Jahren abgelegt hatte. Es gibt auch eine Wanderschaft aus Systemgründen. Wie oben dargestellt, galt für die Vorstadt im Westen der Altstadt die Gruppe "Garten". Deshalb erhielt die Dietrich-Eckart-Straße nach dem Dritten Reich den Namen "Nelkenweg". Doch am 13. Februar 1959 stellte man fest, dass "Nelke" nicht mehr ins Umfeld der Bietigheimer (Maler-)Größen passte und benannte ihn in "Lenbachweg" um. Als dann das Gebiet um die heutige Gartenstraße bebaut wurde, war die "Nelke" wieder frei und konnte dort am 28. Mai 1963 wieder verwendet werden. Eine Wanderschaft besonderer Art, sozusagen ein Ringelreihen, gab es bei der Ziegelbergstraße. Mit diesem Namen sollte erst die heutige Vogelsangstraße benannt werden. Doch man war der Meinung, dass der Name "Ziegelbergstraße" der Straße "gebühre" (Protokoll vom 7. 12. 1953), "die oberhalb dem Ziegelberg vorbei führe". Also wanderte der Name von der heutigen Vogelsangstraße zur Ziegelbergstraße, und die frühere Vogelsangstraße wurde zur Johann-Sebastian-Bach-Straße. Diese hatte übrigens im Dritten Reich "Wilhelm-Murr-Straße" geheißen. Ähnliches passierte der Spitalstraße. So hieß ursprünglich der Anfang der heutigen Lindenstraße. Aber am 24. August 1898 wird dieses Stück in "Lerchenstraße" umbenannt, und den Namen "Spitalstraße" erhält die dazu rechtwinklig verlaufende Verbindung von neuer Lerchenstraße mit der Ludwigsburger Straße, das jetzige Stück der Gerokstraße zwischen Lindenstraße und Ludwigsburger Straße. Gewandert sind auch Jahnstraße
in Bissingen und Remminger Straße. Die Remminger Straße war
ursprünglich die westliche Verlängerung der "Oberen Gasse", mit der
zusammen sie am 24. August 1898 zur "Hauptstraße" wurde. Der Name
wanderte am 2. März 1933 nach Süden und bezeichnet seitdem die übernächste
Parallelstraße der heutigen Jahnstraße. Wie Menschen können auch Straßen ein Schicksal erleiden, als Burleske der Ernst-Essich-Weg, als Tragödie die Heilnerstraße. Zu seinem 80. Geburtstag erhielt Ernst Essich am 16. November 1935 von der Stadt eine Straße als Geschenk, eben den Ernst-Essich-Weg. Wie Michael Schirpf in seinem Aufsatz über die Familie(n) Grimm schreibt, waren sich Ernst Essich und Friedrich Grimm spinnefeind. Am 13. Februar 1959 wird nun zu Ehren von Grimm der nördliche Teil der Oberen Torstraße, der auf der Karte von 1958 als Teil des Ernst-Essich-Wegs eingetragen ist, in "Friedrich-Grimm-Straße" umbenannt. Damit liegen nun die alten Kontrahenten postum in ihren Straßen wieder über Kreuz! Trauriger verläuft die Geschichte der Heilnerstraße. Wie der Kartothek von Herrn Roemer zu entnehmen ist, war David Heilner Sohn eines jüdischen Lehrers; deshalb geriet sein Name nach seinem Tod in die Mühlen der Geschichte. Die Straße über dem Felshang des Aurains erhielt, vermutlich noch zu seinen Lebzeiten oder bald nach seinem Tod am 21. August 1925, seinen Namen. 1936 empfand man es als Schande, in einer Straße zu wohnen, die nach einem Juden benannt wurde, und deshalb kam es zu einem Gemeinderatsbeschluss am 2. Juni 1936: "§
25. Neun Jahre später war das Dritte Reich vorbei; wieder beriet man im Gemeinderat, diesmal so (Protokoll vom 12. Oktober 1945): "§
10 Dieser Beschluss scheint aber nicht recht bekannt geworden zu sein, da auf dem Stadtplan von 1958 (s. Karte 06) die Heilnerstraße als "Panoramastraße" auftaucht. Ein halbes Jahrhundert später werden die DLW-Tennisplätze verkauft und bebaut. Vorne an der Felskante, auf der linken Seite der Heilnerstraße, werden acht Einfamilien-Bungalows errichtet. Eines Tages verschwinden die alten Straßenschilder mit "Heilnerstraße", und das südliche Stück der Heilnerstraße wird der Straße "Im Aurain" zugeschlagen, obwohl diese damit einen 90o- Knick aufweist. In den Gemeinderatsprotokollen der Zeit erhält man keinen Hinweis auf einen Umbenennungs-Beschluss. 3.2 Irrläufer
"Irrläufer" sollen hier Straßennamen sein, die heute nicht mehr in die Namenssystematik von Bietigheim-Bissingen hineinpassen. In diesen Fällen wird die Systematik gestört und damit auch die Orientierung im Stadtgebiet behindert. Ist einem nämlich die Namenssystematik bewusst, kann man Fremde in den entsprechenden Stadtteil schicken, wo sie sich dann weiter erkundigen können – noch hat nicht jeder ein Navigationsgerät! Wie oben (Kap. 2.2.1) erklärt, ist die Karl-Peters-Straße noch der Rest der Namen, die im Dritten Reich politisch korrekt waren: Ihr Umfeld sind inzwischen die Vögel. - Hier wurde am 27. Januar 2009 Abhilfe geschaffen, so dass die bisherige Karl-Peters-Straße am 1. März 2009 in Anwesenheit des Gemeinderats in "Eisvogelweg" umbeschildert werden konnte. Weitere Irrläufer oder "erratische" Straßen sind etwa die Blumenstraße und die Rosenstraße in Bissingen, die ins Umfeld der jetzigen Gartenstraße mit Tulpe, Veilchen, Nelke oder Primel passen würden. Ebenso ist der Weidenweg am falschen Ort. Bei der Diskussion am 4. Juni 1957 ging es noch um eine sinnvolle Ergänzung des Rohräckerwegs; beim Beschluss am 2. Oktober 1957 hielt man diesen Namen für "harmonierend mit "Rohräcker", "Brandholz" und "Seewiesen" und übernahm nicht den vorausgegangenen Vorschlag "Schilfweg". Damals existierte die Namengruppe Bäume noch nicht – es hätte auch nichts geholfen, weil die ja in Bissingen liegt! Heutzutage gehört die Weide natürlich ins Umfeld von Erle und Birke, also nach Bissingen. Die Hornmoldstraße ist ein auffallend erratischer Block. Dieser Name gehört heute ins Umfeld von Antonia Visconti, Carion und Erwin Bälz – die Hintergründe ihrer Benennung wurden oben (Kap. 2.2.1) behandelt. Auch die Johann-Sebastian-Bach-Straße war 1953 eine einsame Benennung. Der nächste Musiker war Mozart (heutige Eckenerstraße), der aber bei der Zusammenlegung wegfiel. Immerhin bekam Bach bei derselben Gelegenheit mit Bruckner einen näheren Musikkollegen. 3.3 Zusammenfassung/Rückblick
Bei der Durchsicht der Protokolle zeigt sich, dass bestimmte Fragestellungen – etwa nach dem sinnvollen Benennungsverfahren – immer wieder auftauchen, aber im Laufe der Zeit unterschiedlich beantwortet werden. Drängen sich manche Zeiten richtiggehend danach, die in ihrer Zeit "korrekten" Größen zu ehren, sind andere vorsichtiger und neigen zu neutralen Namen. Klar, an Ahorn und Amsel werden sich wohl keine Geister scheiden, an Karl Peters schon. Vielleicht kommt auch die Zeit, da man polnische, tschechische und russische Städte und Gebiete nicht mehr mit ihren früheren deutschen Namen bezeichnen kann. Straßennamen sind nicht die wichtigen Probleme einer Zeit, aber sie können die Zeitläufte spiegeln. Abgeschlossen am 10. Oktober 2010. |
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