Bietigheim-Bissingen 2007
"anno MMVII"


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SUCYSTRASSE

Die Straße wurde benannt am 14. 11. 1967.

Beschlossen als Sucy-en-Brie-Straße

Namengebend: die französische Partnerstadt Sucy-en-Brie: "Der Kanton Sucy-en-Brie ist eine französische Verwaltungseinheit im Arrondissement Créteil, im Département Val-de-Marne und in der Region Île-de-France; sein Verwaltungssitz ist Sucy-en-Brie." (Quelle: Wikipedia)


Bietigheimer Zeitung, Kolumne "Straßennamen" ("rh"), 18. August 1984

Schloß BercDekadenz wird Glanz

Die Sucystraße in Bietigheim

(rh). Viel Geld hatten sie nicht, die Gemeinderäte der Partnerstadt vor den Toren von Paris, um all ihre Wünsche für die Einwohner in der Vergangenheit nach besten Kräften zu erfüllen. Schon gar nicht für Monumente, die nicht als Wohnungen dienen konnten oder schnell für Kindergärten oder Altenheime zu restaurieren waren. Bekanntlich war und ist der Etat in Sucy-en-Brie recht niedrig, wenn man ihn ins Verhältnis zu Bietigheim-Bissingen setzt. Auch in Frankreich mußte nach dem Krieg erst wieder aufgebaut werden. Wohnungsbau stand an, der Moloch Paris schlang dabei an Randstädtchen auf, was er nur konnte.

So war auch das kleine Landstädtchen betroffen: Nach dem Krieg hatte es gerade rund 7000 Einwohner, dies für einige Zeit. Doch dann kamen die Großstädter. Zwischen 1960 und 1970 nahm die Einwohnerzahl von 10 600 auf 19 000 zu, bis 1982 dann noch einmal um weitere 4600. Ab Mitte der Sechziger Jahre entstanden so vier große Wohngebiete mit Häuserblocks, wie sie auch in Paris und in Bietigheim gebaut wurden. Schließlich kehrte man wieder zur Einzelbauweise zurück und schuf ein Wohngebiet für rund 900 Familienhäuser. Nun wohnt mehr als die Hälfte der Familien in Sucy in Einzelhäusern.

Daneben hatte Sucy noch sechs Schlößchen, mittlere und kleine, das größte und ehemals schönste war das Château de Berc, heute auch Schloß von Sucy genannt. Es stammt aus dem 17. Jahrhundert und wurde zwischen 1660 und 1662 aufgebaut, wahrscheinlich von Francois Le Vau, dem Bruder des Erbauers von Schloß Versailles, Louis Le Vau. Erste Eigentümer und Nutznießer des Schlosses waren die Lambert de Thorigny. Nicolas Lambert, Präsident der königlichen Finanzkammer, überwachte den Bau, ließ 1674 noch das monumentale Portal und 1687 die Orangerie, das kleine Lusthaus neben dem Schloß, bauen.

Im Laufe der Jahrhunderte wechselten allmählich die Besitzer. Im Jahre 1956 kaufte es schließlich ein Geldinstitut der Familie de Berc ab, die 40 Jahre nichts oder nicht viel an dem Gebäude gemacht hatte. 

Die Bank hatte wohl gut spekuliert, als sie das Schloß mit seinem 15 Hektar großen Park kaufte. Gedacht war, dort die 21 Hochhäuser der jetzigen Cité-Verte in den Jahren 1958 bis 1962 hochzuziehen und nicht den Feudalbau zu renovieren. Doch das Schloß überließen die wendigen Makler keinem Abbruchunternehmen, was wohl viel gekostet hätte, sondern einer weit billigeren Zerstörung: Sie ließen es links liegen, vergammeln, "lieferten es den Unbilden und besonders dem Vandalismus und der Plünderung aus", heißt es in "Sucy informations", dem Amtsblatt der Partnerstadt. Und der Autor erboste sich darin: "Das, was die Deutschen in mehreren Jahren der Besatzung nicht gemacht haben, hat die Bank in wenigen Monaten fertiggebracht!"

1964 bekommt die Stadt das Schloß zum Symbolpreis von einem Franc. Lange Verhandlungen im Stadtrat waren vorausgegangen. Obwohl die Zeit noch nicht reif war für das Bewußtsein, Altes zu bewahren, griff Bürgermeister Jean-Marie Poirier, laut "Sucy informations", in die Debatte ein: "Wenn wir betrachten, was wir alles noch zu bezahlen haben, gibt es praktisch keine Chance, daß das Schloß für die Öffentlichkeit vor 25 Jahren geöffnet sein wird. Das ist nicht das Problem. Aber, wir müssen es retten". So rückte der Rathauschef diesen Ort, der nunmehr "ein gefährlicher Abenteuerspielplatz für Kinder, ein Stall für verschiedene Tiere oder ein Unterschlupf für vorbeikommende Liebespaare war", wieder ins Bewußtsein der Bevölkerung, durch die aufhorchende Presse ins Licht einer größeren Öffentlichkeit.

Seit dem Kauf des Monuments sind nun 20 Jahre vergangen. Zwischen 1970 und 1984 wurden drei Bauschritte bereits erledigt, der vierte wird derzeit beendet. Zuerst wurden nur wenige der elf großen und vier kleineren Zimmer hergerichtet, aber das Dach komplett erneuert. Alle Fenster mußten neu eingesetzt werden. Auch die Orangerie wurde neu gedeckt, schließlich die Fassaden von beiden Gebäuden restauriert, was jedoch noch nicht beendet ist.

Bis jetzt hat die Wiederherstellung des Schlosses bereits vier Millionen Francs (1,3 Millionen DM) gekostet, wovon die Stadt die Hälfte selbst zu tragen hatte. In Sucy rechnet man noch mit weiteren 20 Millionen Francs (6,6 Millionen DM), nachdem jetzt Gutachten eingeholt wurden, die noch weitere Restaurationen am Gebäude erfordern. Außerdem fehlt ja noch die Einrichtung, die das neue Schmuckstück in der Partnerstadt erst zu der "lebendigen Wirklichkeit" werden läßt. Und wenn alles gut geht, bezahlt auch der Staat rund 40 Prozent, die er sonst für historische Gebäude zuschießt.

Wie das Schloß, der Dekadenz entronnen, nun zum wahren Glanz kommt, wie es später genutzt werden soll, darüber gehen die Meinungen noch auseinander. Doch möglicherweise werden auch Bietigheimer und Bissinger in der Partnerstadt weilen, wenn es - wie von den französischen Freunden erhofft - im Frühjahr nächsten Jahres in neuem Kleid den Bürgern offenstehen wird. Dann ist es vielleicht das, was der Autor von "Sucy informations" sich wünscht, daß es das "supplément d'âme" der Altstadt ist, ihr eine neue Seele gibt.

Bietigheim hat die französische Partnerstadt geehrt - zu deren Geschichte auch Schloß Berc gehört - und einer Straße im Buch ihren Namen gegeben.

Bietigheimer Zeitung, Kolumne "Straßennamen" ("rh"), 18. August 1984

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