Bietigheim-Bissingen 2007
"anno MMVII"


Zur Bildseite

SCHLESIERSTRASSE

Die Straße wurde benannt am 9. 02. 1954.

Namengebend: Einwohner von Schlesien: "Schlesien (polnisch Śląsk; tschechisch Slezsko; lateinisch Silesia) ist eine Region in Mitteleuropa beiderseits des Ober- und Mittellaufs der Oder." (Quelle: Wikipedia)


Bietigheimer Zeitung, Kolumne "Straßennamen" ("rh"), 
5. Mai 1985

Land mit polnischer Zukunft

Die Schlesierstraße in Bietigheim

(rh). "Historisches Gebiet beiderseits der oberen und mittleren Oder, zwischen den Sudeten im Westen und Südwesten, Mährischer Pforte und Beskiden im Süden, der Wasserscheide zwischen Oder und Warthe im Nordosten und der Bartsch-Obra-Niederung im Norden". So nüchtern beginnt die Beschreibung des Landes Schlesien oder Slask, wie die Polen sagen, in Meyers Enzyklopädischem Lexikon.

Den aus ihrer schlesischen Heimat Vertriebenen mag diese Nüchternheit nicht genügen. Einer von ihnen, wenngleich auf Ceylon geboren, meinte 1966: "Zum ganzen Deutschland, zu Gesamtdeutschland gehört auch Schlesien. Die Schlesier verkörpern dieses Schlesien: die dort Geborenen und die von Schlesiern Abstammenden. Doch das wäre mit dem Blick sowohl auf die Vergangenheit als auch in die Zukunft zu wenig. Schlesien ist Teil des historischen und des werdenden ganzen Deutschlands und nicht nur Eigentum der Schlesier, sondern aller Deutschen!" Dies schrieb Herbert Hupka, der Bundesvorsitzende der Schlesischen Landsmannschaft, im Vorwort zu dem Buch "Schlesisches Panorama".

Deutsch war die Geschichte Schlesiens immer, bis auf eine Zeitspanne im 12. Jahrhundert, als die polnischen Piasten die Oberhoheit gewannen, sich aber nicht halten konnten. Am Anfang der Historie stand ein Volksstamm der Vandalen, die Silinger, die kurz vor Christi Geburt Kelten im Gebiet des 718 Meter hohen Zobten vertrieben und sich dort ansiedelten. Der Berg wird auch Siling genannt und gab ganz Schlesien seinen Namen. Bis etwa ums Jahr 400 nach Christus zogen diese Vandalen nach Westen und Süden davon, und vom 6. Jahrhundert an kamen Slawen aus dem Süden und Osten in das Land. Um 1000 wird Breslau Hauptort des gleichnamigen jungen Bistums, das zur polnischen, von den Piasten beherrschten Diözese Gnesen gehörte. Als nach dem Mongoleneinfall 1241 17 Teilherzogtümer entstanden, holten deren Herrscher immer mehr Deutsche ins Land.

Wichtiges Datum in der Geschichte ist das Jahr 1335, als Kasimir III. von Polen auf die Lehenshoheit über Schlesien im Vertrag von Trentschin verzichtete. Fortan hatten die Böhmen das Sagen, und das Land gehörte zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Doch die katholischen Böhmen und österreichischen Habsburger als Landesherren spielten in der Zeit der Reformation eine schicksalhafte Rolle. Das Land war fast gänzlich zum lutherischen Glauben übergetreten und mußte deshalb unter dem österreichischen Druck leiden. 1648 wurden fast alle protestantischen Kirchen geschlossen und deren Vermögen eingezogen. Erst das Einschreiten Karls III. von Schweden brachte Erleichterungen und einen Vertrag, die Altranstädter Konvention von 1707. Von da an war es Protestanten wieder erlaubt, öffentliche Ämter zu bekleiden. Die Österreicher gaben 128 Kirchen wieder zurück.

Eine entscheidende Änderung erlebte das Land nach 1740. Preußenkönig Friedrich der Große wollte mit Maria Theresia ein Militärbündnis eingehen, sofern diese seine Ansprüche auf einige schlesische Städte anerkenne. In der Wiener Hofburg stieß dieser Plan auf Ablehnung, und Friedrich holte sich, was er haben wollte. Die Schlesischen Kriege und der siebenjährige Krieg mit Österreich rissen tiefe Wunden in das Land. Doch 1763 erreichte der Preuße, daß ganz Schlesien nach Preußen kam. Handel und Verkehr richteten sich von da an nach dem deutschen Raum, Die Verwaltung wurde gestrafft, der Preußenkönig reformierte Verfassung und Justiz.

Schwierigkeiten machten die armen Weber den Preußen beim Weberaufstand von 1844. Damit wurde die Soziale Frage aufgeworfen. Ein sich verschärfendes Problem wurde die Spannung zwischen der polnischen und deutschen Bevölkerung. Doch die Volkszählung von 1910, die Reichstagswahl und auch die Volksabstimmung 1921 brachten in den gemischten Gebieten klare Entscheidungen für das Deutsche Reich.

Der Zweite Weltkrieg endete tragisch für die Schlesier. 1,4 Millionen Menschen wurden vertrieben, eine halbe Million starb schon während der Kämpfe und auf der Flucht. Die schlesischen Städte, allen voran die Hauptstadt Breslau, waren stark zerstört.

Heute ist Schlesien das dichtbesiedeltste Gebiet Polens. Es ist am besten für den Verkehr erschlossen, da auch die meiste Industrie Polens heute dort angesiedelt ist. In Oberschlesien, das schon früh Kohle lieferte, wurden riesige Industriekombinate nach sowjetischem Muster gegründet. Nur wenige Deutsche leben noch dort. Die meisten wurden noch in den 40er und 50er Jahren ausgewiesen, eine letzte Umsiedlungsphase im Zuge der Familienzusammenführung begann 1970, als der Deutsch-Polnische Vertrag zwischen der Bundesrepublik und der Volksrepublik Polen geschlossen wurde.

In diesem Vertrag erkennt die Bundesrepublik die Oder-Neiße-Grenze als unverrückbare Westgrenze Polens "jetzt und in der Zukunft" an. Das erste Motto für das Schlesier-Bundestreffen 1985, "Schlesien bleibt unser" - jetzt geändert -, rüttelte wieder an diesem Vertrag und machte Schlagzeilen. Doch nach den Vereinbarungen in diesem auch Warschauer Vertrag genannten Übereinkommen werden beide Seiten gegeneinander keinerlei Gebietsansprüche haben und solche auch in Zukunft nicht erheben". Schlesien bleibt also polnisch.

Bietigheim hat den Schlesiern eine Straße im Buch gewidmet.

Bietigheimer Zeitung, Kolumne "Straßennamen" ("rh"), 5. Mai 1985

Zum Namenbuch:   Zur Straßenübersicht:      und hier zurück zu meiner Homepage.