Bietigheim-Bissingen 2007
"anno MMVII"


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KIRCHSTRASSE

Die Straße wurde benannt vor 1940.

Namengebend: die Bissinger Kilianskirche


Bietigheimer Zeitung, Kolumne "Straßennamen" ("rh"), 21. Juni 1986

Glöckchen überlebte die Kriege

Die Kirchstraße in Bissingen

(rh). Eine Kirche gibt es in Bissingen schon seit dem neunten Jahrhundert. In einem Verzeichnis des Weißenburger Klosters ist in dieser Zeit erstmals eine Basilika erwähnt. Schon diese Kirche soll auf dem Platz der heutigen Kilianskirche gestanden haben, es dürfte aber nichts mehr von ihr übrig sein. Die neue Kirche wurde im Jahre 1520 vollendet.

Die Basilika war dem Heiligen Kilian geweiht, der 911 als Kirchenpatron genannt wird. Die Gläubigen verehrten damit einen Schutzheiligen, der das Christentum ins Frankenland gebracht hatte. Der irische Bischof kam 685 ins Frankenland und wurde 689 in einer Kapelle bei Nacht von zwei Knechten getötet, die von der Gattin Herzog Gozberts angestiftet worden waren. Der Jahrestag des Heiligen Kilian, der 8. Juli, war deshalb immer der Tag des alten Kirchweihfestes der Bissinger.

Die Kirche hatte in früherer Zeit oft wechselnde Besitzer. Am 24. April 1364 belehnten die württembergischen Grafen Eberhard II. und sein Bruder Ulrich Konrad von Sachsenheim mit der Kirche zu Bissingen. 40 Jahre später erhielten die Brüder Hans und Hermann von Sachsenheim, die auf der äußeren Burg wohnten, das Recht, das Lehen an das Heilig-Geist-Spital in Markgröningen zu verkaufen. Prof. Roemer, der das "Bissinger Heimatbuch" geschrieben hat, meint, die Herren von Sachsenheim hätten schon im 13. und 14. Jahrhundert an eine ältere Kapelle, "nämlich an die heutige, im frühgotischen Stil gehaltene Sakristei und den mit Fenstern im Übergangsstil geschmückten Westturm angebaut". Die Sakristei sei offenbar der Rest einer früheren, abgebrochenen Kirche oder Kapelle.

Der untere Teil des Turmes und die Sakristei stammen also aus frühgotischer Zeit, das heutige Kirchenschiff ist in spätgotischem Stil unter dem Markgröninger Baumeister Betz gebaut worden, der für das Spital, den damaligen Besitzer der Bissinger Kircheneinkünfte, viel arbeitete, auch in Markgröningen. Das Spital betrieb diesen Umbau und ließ zwischen 1517 und 1520 das neue Gotteshaus errichten. Damals entstand der spätgotische Vieleckschor mit dem Netzgewölbe, das in seinen Schlußsteinen das Wappen des Markgröninger Spitals und das Steinmetzzeichen des Baumeisters trägt. Die Fenster des Schiffes und der Chor wurden mit schönem Maßwerk versehen. Der hochgeschwungene Bogen zwischen Schiff und Chor trägt die Jahreszahl 1520 am Schlußstein.

Als die Kriegswirren des Dreißigjährigen Krieges in den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts auch in Württemberg ihre Opfer verlangten, wurde Bissingen stark in Mitleidenschaft gezogen. Am 11. September 1634 brannten kaiserliche Truppen den halben Ort nieder. Die Kirche wurde um ihre Kirchenschätze beraubt. Viele Ortschaften wurden im Verlaufe des Krieges immer kleiner. Was brandschatzende räuberische Krieger nicht mordeten, raffte die Pest hinweg. Auch Bissingen konnte sich keinen eigenen Pfarrer mehr leisten und wurde eine Filiale von Asperg.

Die Bürger konnten nur knapp 45 Jahre die Schäden im Land wieder reparieren, sich selbst von den langen Kriegsjahren erholen, als es 1693 schon wieder losging. Im August dieses Jahres rückten Franzosen unter General Melac in Bissingen ein und brannten 42 Gebäude nieder, die Hälfte der damaligen, wieder aufgebauten Häuser. Die Bürger flüchteten, da die Franzosen nicht viel Federlesens mit ihnen machten. Bei ihrer Rückkehr waren ihre Häuser ausgeraubt, ebenso die Kirche.

Dort hatten es die Soldaten vor allem auf Glocken abgesehen. Zwei gab es damals auf dem Turm der Kilianskirche, beide mußten als Material für Kriegswerkzeug herhalten und wurden geraubt. Die eine wog 20, die andere 17 Zentner. Auf ihrem Kirchenraubzug ruinierten die Franzosen auch gleich die Orgel, stahlen die Abendmahl- und Taufgeräte sowie die Altar-, Kanzel- und Taufsteinbekleidungen. 1699 konnten sich die zurückgekehrten Bissinger wieder ein Glöckchen leisten. Es hat immerhin sechs Zentner und läutet heute noch den Bissingern vom Friedhof zu. Dort wurde es in den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts hingebracht. Diese alte Glocke hat auch die beiden Weltkriege heil überstanden und ist den Einschmelzern nicht zum Opfer gefallen, wie sehr viele andere Glocken.

Die Glocke von 1699 blieb bis 1841 die einzige. Dann tat sich Bissingens großer Sohn, der Stadtpfarrer in Markgröningen war, Ludwig Heyd, mit ein paar anderen Kirchengemeinderäten zusammen und stiftete eine neue Glocke für die Kirche. 1900 wurde eine dritte angeschafft. Alle drei riefen bis zum 28. Juni 1917 die Gläubigen in den Gottesdienst. An diesem Tag rückten Beauftragte des Kriegsministeriums an und ließen die Glocken zum Einschmelzen abnehmen. Metall war zum Kriegführen wieder einmal gefragt. Nicht anders erging es den nach dem Ersten Weltkrieg angeschafften Glocken. Auch sie wurden 1942 zu Kriegszwecken eingeschmolzen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg brauchten die Bissinger wieder ein paar Glocken auf ihrem Kirchturm. Bürger, die Gemeinde und Bissinger Firmen legten zusammen und schafften sich eine 23 Zentner schwere Betglocke, die Friedensglocke mit 14 Zentnern und eine Taufglocke mit zehn Zentnern an. Diese drei wurden am 18. Februar 1951 feierlich geweiht. Das Glöckchen von 1699 paßte im Ton nicht gut zu diesen drei neuen. Deshalb wurde es auf den Friedhof geschafft und auf dem Turm eine vierte Glocke installiert. Die Kirche wurde erstmals im Jahre 1808 erneuert. 1732 war das Pfarrhaus gebaut worden, das aber erst 1835 seine heutigen stattlichen Ausmaße erhielt. Eine zweite Kirchenerneuerung fand 1883 statt. 1892 wurde eine Heizung eingebaut. Dies war wegen des ständig abnehmenden Kirchenbesuchs nötig geworden. Danach kamen wieder mehr Leute zum Gottesdienst. Fünf Jahre zuvor war eine neue Orgel gestiftet worden. Ein Jahr vor dem Ersten Weltkrieg kam es zur dritten Kirchenrestauration.

Diese drei vorhergehenden Renovierungen des Gotteshauses waren nicht so umfassend wie die totale Renovierung zwischen 1936 und 1938. Damals wurde die Kirche völlig leer gemacht. Die Westempore blieb erhalten, Chor- und Südempore wurden entfernt. Die Kanzel wurde versetzt. Die Gottesdienste fanden während der Bauzeit in der Schule statt.

Die letzte große Renovierung fand 1960 statt. Sieben Jahre vorher war eine elektrische Heizung eingebaut worden. 1960 wurde ein Teil der Decke des Kirchenschiffs durch eine Holzdecke ersetzt. Außerdem wurden die gesamten Fresken freigelegt.

Die Kirchstraße, die von der Kirche in Richtung Enz verläuft, erinnert an die wechselvolle Kirchengeschichte in Bissingen.

Bietigheimer Zeitung, Kolumne "Straßennamen" ("rh"), 21. Juni 1986

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