Bietigheim-Bissingen 2007
"anno MMVII"


Zur Bildseite

WOLF-HIRTH-STRASSE

Die Straße wurde benannt am 7. 03. 1960.

"Wolf Hirth (* 28. Februar 1900 in Stuttgart; † 25. Juli 1959 in Nabern/Teck) war ein deutscher Diplom-Ingenieur, Segelflugpionier und Träger des silbernen Segelflugabzeichens Nr. 1." (Quelle: Wikipedia)


Bietigheimer Zeitung, Kolumne "Straßennamen" ("rh"), 
21. April 1984

Ein "Adler" in der Thermik

Die Wolf-Hirth-Straße in Bissingen

(rh). Als er 1930 an den Hängen von Elmira in den Vereinigten Staaten versuchte, den Adlern und anderen Raubvögeln gleich, in thermischen Aufwinden durch das sogenannte Raubvogelkreisen mit seinem Segelflugzeug an Höhe zu gewinnen, erlebten die Zuschauer am Boden die Geburtsstunde des thermischen Leistungsflugs. Der 30jährige Kurt Erhard Wolfram Hirth, kurz Wolf Hirth genannt, schaffte damals amerikanischen Höhen- und Streckenrekord. Doch dies war nicht der einzige Erfolg dieses besessenen Fliegers. Als einziger wurde Wolf Hirth gleich zweimal mit den höchsten Ehren bedacht: den Hindenburg-Pokal erhielt er 1929 für seine überragenden Leistungen im Motorflug, drei Jahre später für seine Flugkünste in Seglern.

Seine ersten Erlebnisse mit der Fliegerei hatte der am 28. Februar 1900 in Stuttgart Geborene als Sechsjähriger. Damals schaute er zu, wie sein wesentlich älterer Bruder Hellmuth mit Graf Zeppelin Flugversuche auf dem Cannstatter Wasen unternahm. Als 16jähriger machte er dann den Führerschein und blieb bodenständig, wenn auch mit ungewöhnlichem Hobby: bis 1928 fuhr er Motorradrennen. Dabei verunglückte er 1925 so schwer, daß ihm ein Bein amputiert werden mußte.

Neben den Rennen ging er jedoch schon in die Luft. Als 20jähriger gehörte Wolf Hirth zu den ersten Getreuen eines Wettbewerbs, die in selbstgebauten Hängegleitern Luftsprünge von über 50 Metern an der Wasserkuppe erzielten. Von 1922 bis 1925 machte der junge Mann die Flugscheine A, B und C. Bei der letzten Prüfung war er bereits zweieinhalb Stunden in der Luft.

Seine große Laufbahn begann 1928, trotz des Handicaps als Beinamputierter, als er von einem internationalen Wettbewerb in Vouville/Frankreich mit einem vierfachen Sieg nach Hause kam. Bereits am 10. März 1930 gelang Hirth einer der aufsehenerregendsten Flüge der damaligen Zeit. Er startete mit Gummiseil am Ufer des Hudson und kurvte in niedrigster Höhe, bis er Anschluß an die ersten Ablösungen fand, und schließlich segelte er weit über eine Stunde über dem Weichbild der Weltstadt New York, bis die Polizei den Flug beenden mußte, weil der Verkehr in dieser Weltstadt zusammenzubrechen drohte", erzählte 1980 der Präsident des Deutschen Aero Clubs, Georg Brütting, in seiner Festansprache anläßlich einer Ausstellung über den "Fliegervater". Bevor Hirth wieder nach Deutschland kam, gründete er in den USA die erste Segelflugschule und den ersten Segelflugzeugbau.

1934 nahm er an einer Expedition nach Süd-Amerika teil, gewann im gleichen Jahr den Streckenpreis im Rhön-Wettbewerb mit dem ersten Flug über 300 Kilometer und erreichte, was noch kein anderer vor ihm geschafft hatte: er umrundete im gleichen Wettbewerb den 35 Kilometer entfernten Öchsen und schuf damit eine neue Disziplin im Segelflug, den Zielflug mit Rückkehr. Insgesamt 39 Jahre war Hirth begeisterter Segelflieger, tat aber auch viel für den wissenschaftlichen Hintergrund.

Neben dem ruhigen Gleiten in der Thermik beherrschte der Flugpionier auch Motorflieger. Im Juni 1930 gelang ihm ein deutscher Rekord im 25-Stunden-Dauerflug und im Oktober der Versuch, mit einer 40-PS-Klemm-Maschine aus Böblingen über den Ozean zu fliegen. Einen Weltrekord im Dauerflug stellte er 1934 auf. 1938 folgte noch die Überführung einer Bücker-Jungmann von Stuttgart nach Johannisburg in Süd-Afrika. Über beide Flugarten gab der passionierte Flieger eine eindeutige Wertung ab: "Segelflug ist schön, auch Motorfliegen macht Freude, aber es wird uns nie so eng mit der Natur verbinden, uns nie so stark und stolz die Erfüllung des uralten Menschheitstraums empfinden lassen, wie das königliche Spiel mit den unsichtbaren Gewalten des Luftraumes. Vielleicht ist Motorflug nötiger und nützlicher, aber Segelflug ist schön."

Nach dem Weltkrieg war Fliegen in deutschen Lüften verboten, und erst im Mai 1951 ließen die Alliierten verlauten: "Der Segelflug ist wieder frei." Schon 1950 hatte Hirth nach langen Bemühungen den Deutschen Aero Club gegründet, zu dessen erstem Präsidenten er einstimmig gewählt wurde. Bereits 1956 flogen in Baden-Württemberg 394 Segelflugzeuge. Als Ingenieur hatte Wolf Hirth auf flugtechnischem Gebiet starken Einfluß auf die Typenentwicklung. In Kirchheim leitete er die Firma Schempp-Hirth, die er 1935 mit seinem Freund Martin Schempp in Göppingen gegründet hatte.

Über seinen Tod am 25. Juli 1959 nahe Dettingen/Teck, wo er aus ungeklärten Gründen mit einer "LO-100" abstürzte, schrieb ein Freund, dieser Tod "unseres wohl größten und erfolgreichsten Segelfliegers und Sportfliegers"  habe "etwas Versöhnendes, indem er unserem Wolf Hirth die letzte Landung ersparte, zu der und zu einem sehr schmerzlichen Abschied ihn eines Tages seine Jahre gezwungen hätten".

Bissingen hat einer Querstraße zur Maybachstraße seinen Namen gegeben.

Bietigheimer Zeitung, Kolumne "Straßennamen" ("rh"), 21. April 1984

Zum Namenbuch:   Zur Straßenübersicht:      und hier zurück zu meiner Homepage.