Bietigheim-Bissingen 2007
"anno MMVII"


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HEILNERSTRASSE

Die Straße wurde benannt am ... (Datum bisher unbekannt).

Diese Straße ist ein Beispiel dafür, dass eine Straße fast ein Schicksal wie ein Mensch erfahren kann.

Wie unten nicht zu lesen, aber der Kartothek von Herrn Roemer zu entnehmen ist, war David Heilner Sohn eines jüdischen Lehrers; deshalb geriet sein Name nach seinem Tod in die Mühlen der Geschichte. 
Die Straße über dem Felshang des Aurains erhielt, vermutlich noch zu seinen Lebzeiten oder bald nach seinem Tod, seinen Namen. 1936 empfand man es als Schande, in einer Straße zu wohnen, die nach einem Juden benannt wurde, und deshalb kam es zu einem Gemeinderatsbeschluss am 2. Juni 1936:

"§ 25.
Nach Anhörung der Ratsherren wird von Bürgermeister Holzwarth die
Entschließung
gefasst, die bisherige Heilnerstrasse in
Austrasse
umzubenennen.
Bürgermeister Holzwarth missbilligt das Vorgehen der NS-Rundschau in dieser Sache (vergl. NS-Rundschau No. 83). Es hätte von dort aus ein anderer Weg beschritten werden können, der der Firma DLW (als dem grössten Steuerzahler) weniger nahe gegangen wäre."

Neun Jahre später war das Dritte Reich vorbei; wieder beriet man im Gemeinderat, diesmal so:

"§ 10
Strassen-Umbenennung
In der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft ist die Heilner-Strasse aufgehoben und der Austrasse zugeteilt worden. Direktor Heilner war der Gründer der Firma Deutsche Linoleum-Werke A.-G. in Bietigheim und hat sich damit für die Stadt grosse Verdienste erworben. Es war vom Nazismus eine Undankbarkeit ersten Ranges, den Namen dieses Mannes aus den Strassen-Namen der Stadt auszumerzen. Zur Wiedergutmachung wird von Bürgermeister Teufel nach Anhörung des Bürgerausschusses
beschlossen,
die Höhenstrasse auf dem Aurain (bisher Austrasse) von der Olgastrasse bis zur Ringstrasse in "Heilner-Strasse" umzubenennen."

Ein halbes Jahrhundert später werden die DLW-Tennisplätze verkauft und bebaut. Vorne an der Felskante, auf der linken Seite der Heilnerstraße, werden acht Einfamilien-Bungalows errichtet. Eines Tages verschwinden die alten Straßenschilder mit "Heilnerstraße", und das südliche Stück der Heilnerstraße wird der Straße "Im Aurain" zugeschlagen, obwohl diese damit einen 90o- Knick aufweist. In den Gemeinderatsprotokollen der Zeit erhält man keinen Hinweis auf einen Umbenennungs-Beschluss.                                              

(Fettdruck oben von mir)

David Heilner: * 25. 12. 1845, + 21. 8. 1925, 1899 Mitgründer der "Linoleumwerke Nairn AG", ab 1921 Vorsitzender des Aufsichtsrats, und Richard Heilner (dessen Sohn): * 22. 3. 1876, + 13. 2. 1964, Generaldirektor der DLW bis 1931.

Erhellend für den Zusammenhang die Ausführungen in der Kartothek von Herrn Roemer:

"Heilner
David Heilner, geb. 1845, Kommerzienrat, + Stuttgart 21. 8. 1925 im Alter von nahezu 80 Jahren, Sohn eines israelit. Lehrers, hatte im 19. Jhdt. ein Teppich- und Wäschegeschäft Gbr. Heilner in Stuttgart, Neckarstr. inne ..."

"Die Aktiengesellschaft "Deutsche Linoleum-Werke, Bietigheim"
Am 25. April 1899 wurde  von dem späteren Kommerzienrat David Heilner, Stuttgart, unter vorwiegend englischer Kapitalbeteiligung die Familien-Aktiengesellschaft Linoleum-Werke Nairn-Bietigheim mit einem Grundkapital von 1,2 Millionen Mark gegründet. Im folgenden Jahr wurde sie in Germania-Linoleum-Werke A. G. umgewandelt. Den Vorstand bildeten David Heilner, sein Sohn Richard Heilner und William Haxton; 1901 trat Albert Eber aus Heidenheim hinzu. Mit der Errichtung der Werksanlagen entstanden gleichzeitig für 18 Arbeiterfamilien drei Wohnhäuser in der Bahnhofstraße. Des großen Zuzugs wegen und um einen Stamm von Facharbeitern anzusiedeln, wurde in den Jahren 1906 und 1907 die Wohnkolonie beim Enzviadukt erbaut, vorwiegend für Leute aus der Linoleumfabrik Köpenick bei Berlin. Um die gleiche Zeit erfuhren die Werksanlagen eine erhebliche Erweiterung.
Während des ersten Weltkriegs mußte der Betrieb 1915 eingestellt werden und fanden 79 Werksangehörige den Heldentod. Nach dem Krieg wurde die englische Beteiligung liquidiert. Das Aktienkapital betrug damals 3 Millionen. 1921 lief der Betrieb wieder an. Jetzt wurden die Aktien an der Börse eingeführt, die 1911 in Velten bei Berlin gegründete, aber bis dahin noch nicht in Betrieb genommene Continentale Linoleum Compagnie A. G. übernommen und die Fabrikanlagen in Bietigheim sehr erweitert. Bis zum Ende der Inflation war das Aktienkapital auf 82,5 Millionen Papiermark <Zahl vermutlich falsch, weil viel zu klein> angewachsen; es wurde i. J. 1924 auf 7,3 Millionen Rentenmark umgestellt.
Am 21. August 1925 starb Kommerzienrat David Heilner im Alter von 80 Jahren und trat sein Sohn Generaldirektor Dr. h. c. Richard Heilner an seine Stelle. Dieser erreichte i. J. 1926 den Zusammenschluß von 5 deutschen Linoleumfirmen mit insgesamt 7 Werken in der heutigen Aktiengesellschaft Deutsche Linoleum-Werke anfangs mit Sitz in Berlin, später in Bietigheim, dem Sitz der Hauptverwaltung. Damit wurde eine von der gesamten Wirtschaftspresse anerkannte so umfangreiche Rationalisierung möglich, daß trotz gewaltiger Steigerung des Umsatzes die Gesamtproduktion in Bietigheim und zwei Werken in Delmenhorst bewältigt werden konnte. (Erst 1934 wurde der Betrieb auch in Maximiliansau (Pfalz) wieder aufgenommen.) Damals wurden die Bietigheimer Werksanlagen ständig erweitert und erstand hier das stattliche Verwaltungsgebäude. 1927 wurde die Fabrikation des neuen Fußbodenbelags "Stragula" aufgenommen.
1928 wurde von hier aus die Continentale Linoleum-Union, Zürich, gegründet, an der ausländische Unternehmen in Göteborg (Schweden), Giubiasko (Schweiz), Krommenie (Niederlande), Sandvika (Norwegen) und Reims (Frankreich) beteiligt waren. Damals wurde den DLW die Rohpappenfabrik Worms A. G. angegliedert und in Bietigheim 1929 das unmittelbar anschließende Anwesen der Firma Arthur Faber, Holzwarenfabrik, erworben. Dann aber ging die bereits 1929 einsetzende und 1931 auf ihren Höhepunkt gekommene Weltwirtschaftskrise an dem neuen internationalen Gebilde nicht spurlos vorüber. Die damaligen Generaldirektoren Dr. Heilner und Dr. Eber traten in den Ruhestand. Heilners Nachfolger wurde der Holländer J. C. Kaars Sijpesteijn: die bisherigen stellv. Vorstandsmitglieder Dr. Otto Schaechterle und der 1949 verstorbene Direktor Hans Stangenberger wurden zu ordentlichen Vorstandsmitgliedern bestellt. Als die Folgen der weltweiten Wirtschaftskrise überwunden waren, setzte der Absatz wieder normal ein, und mit dem Aufschwung des Unternehmens gingen auch die fabrikationstechnischen Verbesserungen und die Steigerung der sozialen Leistungen Hand in Hand. Erwähnenswert bleibt hierbei die Erstellung der Werkssiedlung "Sand" und des Gefolgschaftshauses mit Werksküche im ehemaligen Melchior'schen Anwesen nebst einer schönen Gartenanlage im Herzen der Werksanlagen.
Mit dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges brachen neue Schwierigkeiten herein. Im Jahr 1939 löste sich die DLW von der Continentalen Linoleum-Union Zürich. Die Fabrikation musste eingeschränkt und den kriegswirtschaftlichen Bedürfnissen angepasst werden. Im Frühjahr 1945 mußte der Betrieb infolge direkter Feindeinwirkung eingestellt werden, doch blieben die ausgedehnten Werksanlagen im großen Ganzen erhalten. Im Juni wurde mit Aufräumungs- und Instandsetzungsarbeiten begonnen. Zunächst konnte die Laufsohlenfabrikation wieder aufgenommen werden, im Sommer 1947 die Fertigung von Stragula, ab 1948 die Fabrikation eines DLW-Fußbodenbelags aus deutschen Kunststoffen und in bescheidenem Rahmen auch von friedensmäßigem Linoleum für die Besatzungsmacht und den Export. Die Delmenhorster Werke und namentlich das Pfälzer Werk in Maximiliansau hatten schwere Kriegsschäden erlitten und bedurften des Wiederaufbaus.
Zur Zeit bilden den Vorstand die Direktoren Otto Schaechterle, Bietigheim, Ludwig Kaufmann, Delmenhorst, Dr. Bruno Kleemann, Dötlingen (Oldenburg) und sind die Direktoren Dr. C. A. Maerz und Karl Eichstädt in Bietigheim stellvertretende Vorstandsmitglieder."

Der Auszug der Kartothek ist die Vorlage für Roemers Buch der "Geschichte ...". Dr. Richard Heilner konnte wohl den Entwurf zur Kenntnis nehmen und schreibt in seinem Brief an Professor Roemer vom 16. Mai 1951: "Für die Übersendung des nun abgeänderten Entwurfs betreffend Deutsche Linoleum-Werke danke ich bestens. Ich glaube, dass diese Fassung nun passieren kann. Sie stellt allerdings das Minimum dar von dem, was ich als Anerkennung für meine Lebensleistung in der Chronik der Stadt Bietigheim erwartet hätte." (Fettdruck von mir)


Bietigheimer Zeitung, Kolumne "Straßennamen" ("rh"), 
21. Januar 1984

Linoleum brachte den Aufschwung

Die Heilnerstraße in Bietigheim

(rh). Er war schon 54 Jahre alt, als er in Bietigheim sein Lebenswerk begann. Doch David Heilner, der bereits in Stuttgart und dem schottischen Dundee mit der Firma Gebrüder Heilner als Händler vertreten war, hatte etwas besonders Großes vor. Seine Entschlüsse waren von der Erkenntnis geleitet, daß ein großes Unternehmen alle bereits bestehenden acht deutschen Linoleum-Werke überflügeln könne, wenn es in großzügiger Weise ausgerüstet, organisiert und in seinen Leistungen vorbildlich war, schrieb Hermann Rombach in einer Würdigung von Heilners Verdiensten.

David Heilner suchte einen Geldgeber und fand ihn in seinem schottischen Freund, dem späteren Baronet Michael Barker Nairn, einem Fabrikanten aus Kirkcaldy in Schottland. Von den 300 000 Mark, einem Viertel des Grundkapitals, die am 25. April 1899 bei der Gründung der "Linoleum-Werke Nairn A.-G." in der Württembergischen Vereinsbank Stuttgart eingezahlt wurden, stammten zwei Drittel von Nairn und ein Drittel von David Heilner und seinem Sohn Richard Heilner, der vom Vater gleich mit in die Geschäftsführung aufgenommen worden war. David Heilner leitete das Unternehmen als Vorstand.

Zehn Hektar Fläche hatte Heilner in Bietigheim aufgekauft, von denen in den ersten Jahren lediglich zwei Hektar überbaut wurden. Beim Ankauf der zahlreichen Parzellen war ihm der damalige Schultes Wilhelm Mezger behilflich, der es fertiggebracht hatte, daß die Grundstücksbesitzer für den Quadratmeter nur eine Mark verlangten. Sonst wäre Heilner wohl nach Heilbronn oder Mannheim gezogen.

Die bedeutendsten Linoleum-Werke standen damals auf der britischen Insel, und eins davon gehörte Nairn in Kirkcaldy. Dorthin wurde Architekt Paul Manz geschickt, um sich umzusehen, wie ein Linoleum-Werk aufgebaut werden könnte. Mitte September wurden die Bauarbeiten ausgeschrieben und schon vor dem Baubeginn waren die Gleisanschlüsse fertiggestellt. Über 700 Bauarbeiter reichten nicht aus, um das Projekt schnell vorwärtszubringen, deshalb wurde Nachtarbeit eingeführt. 60 bis 65 Waggonladungen, also etwa zwei Güterzüge Material wurden täglich verarbeitet.

Im Juli 1900 wurde mit der Montage der Maschinen begonnen. Die ersten beiden Dampfmaschinen, ist bei Hermann Roemer in der "Geschichte der Stadt Bietigheim" zu lesen, leisteten zusammen bereits 2300 PS. Mit 2000 PS wurde bald die damals größte in Süddeutschland noch angeschafft. Sofort begann die Firma mit der Herstellung aller Arten von Linoleum, wobei das sogenannte "Inlaid" aus Bietigheim, ein mit Schablonen gefertigtes Produkt, bald einen guten Namen hatte.

Nach und nach vergrößerte Heilner das Grundkapital. Schon seit 11. Oktober 1900 hieß seine Firma "Germania Linoleum Werke Aktiengesellschaft". Bereits 1905 wurde der Geschäftsmann vom König für seine Verdienste um die württembergische Industrie zum Kommerzienrat ernannt. 1906 wurden 28 Wohnungen, die "Köpenick-Siedlung", für den Arbeiterstamm geplant, die 1907 bezugsfertig waren. Für die Angestellten entstanden Wohnungen im Auraingebiet. Das Stammkapital war damals schon auf drei Millionen Mark erhöht worden., Preiskämpfe brachten 1907 dann erste Verluste, die Heilner jedoch verkraften konnte. 1909 schlossen sich die deutschen Linoleum-Werke gegen die englische Konkurrenz zu einem Verbund zusammen. 1910 betrug die Produktion in Bietigheim zehn Millionen Quadratmeter aller Sorten.

Während des Ersten Weltkriegs stieg sein englischer Teilhaber aus der Firma aus und die Heilner-Gruppe übernahm die Anteile. 1921 wurde wieder mit der Produktion begonnen. Die Nachfrage nach Linoleum war nach den Kriegsjahren besonders groß, weshalb schon 1922 das Werk erneut erweitert werden mußte.

David Heilners Linoleum und Wirken brachte der Stadt den Aufschwung. Von steuerlichen Pflichten war seine Firma bis 1910 von der Stadt befreit worden. Doch das Baugewerbe hatte beim Aufbau der Stadtteile Köpenick und Aurain viel zu tun. Auch wurden immer mehr Menschen von auswärts angezogen.

David Heilner trat im Juli 1922 aus dem Vorstand zurück und übernahm den Vorsitz im Aufsichtsrat. Er starb am 21. August 1925 im Alter von nahezu 80 Jahren. Die Stadt hat ihm zu Ehren einer Straße im Aurain seinen Namen gegeben.

Bietigheimer Zeitung, Kolumne "Straßennamen" ("rh"), 21. Januar 1984

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