Bietigheim-Bissingen 2007
"anno MMVII"


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MÜHLWIESENSTRASSE

Die Straße wurde benannt am 17. 12. 1974.

Gewann-Name: Mühlwiesen
bis zur Zusammenlegung "Mühlstraße"; 1832: Mühlweg 


Bietigheimer Zeitung, Kolumne "Straßennamen" ("rh"), 
29. März 1986

Ein Aufschwung mit Wasserkraft

Die Mühlwiesenstraße in Bietigheim

(rh). Es gibt sie heute beide nicht mehr, daran ist die enorme Technisierung in Handwerk und Gewerbe schuld. Doch früher waren die Mühlen wichtige Betriebe auf einer Markung. Professor Hermann Roemer, der Heimathistoriker, hat sich die Mühe gemacht, die Geschichte der Bietigheimer Mühlen zu erforschen. 1950 wurde seine Arbeit im Enz- und Metter-Boten veröffentlicht.

Im Mittelalter waren die Bietigheimer noch auf die kleineren Mühlen an der Metter angewiesen. Dort standen die untere und obere Bachmühle. Dies geht aus dem ältesten erhaltenen Annalbuch von 1484 hervor. Es dauerte bis 1534, bis die Enzbrücke (Bau zwischen 1456 und 1467) und das Enzwehr fertig waren. Die Mühlen wurden dann an der immer noch als Notweg benutzten Enzfurt über die Bleichinsel gebaut, die Stadtmühle westlich, die Sägmühle östlich des Mühlkanals. Sie brauchten ja die Wasserkraft, da es noch keinen Strom gab. Beide Mühlen hatten einen guten Aufschwung und gewannen große Bedeutung für die Stadt.

Beim Bau der Stadtmühle hatte es Schwierigkeiten gegeben. In Annalen von 1534 vermerkt der damals zum Vogt ernannte Sebastian Hornmold, der Bau der Mühle sei mit der Gemeinde beratschlagt worden. Er habe "den Bau mit fürstlicher Vergünstigung vornehmen lassen und erlangt, daß die Stadt die Baulast der neuen Mühle übernommen und der Mühlzins der alten Bürgermühle an der Metter mit 21 Gulden auf sie übertragen und die alte Mühle von allem Mühlzins frei und ganz der Stadt eigen worden ist".

Auf Michaelis 1535 sollte das Gebäude stehen, zuerst war es ein Fachwerkbau. Im Winter sollte schon Korn gemahlen werden. Damit dies alles geschafft wurde, mußten die Bürger Hand- und Fuhrfronen leisten. Doch manch kleinem Mann wurde dieser Dienst zu viel. Er hatte nicht einmal mehr Zeit, seine Felder zu bestellen. Die Arbeiter meuterten. Hornmold mußte die Leute öfter beruhigen und ihnen klarmachen, daß die Mühle unbedingt nötig war. Nach einem zweiten Aufstand der Arbeiter kam es zu einer gütlichen Einigung. Jeder konnte sagen, wieviel Tage er fronen wollte.

2000 Gulden hat der Bau schließlich gekostet, außerdem 600 Gulden für die Fronen. Die Mühle war rechtzeitig zu Michaelis 1535 fertig. Von Anfang an besaß die Stadtmühle vier Mahlgänge und einen Gerbgang. Der erste Müller hieß Marx. Ihm oblagen einige Pflichten. Die Feldfrüchte mußte er bei den Kunden abholen und ihnen das Mehl gegen ein Sechzehntel bei den Hülsenfrüchten und gegen ein Achtel bei Welschkorn vors Haus fahren. Zusammen mit dem Sägmüller von gegenüber hatte er das Enzwehr zu pflegen. Kamen Floße an, mußte er seine Mühle stillegen. Als Entgelt für diesen Ausfall bekam er einen Gulden pro Stunde und 15 Kreuzer pro Floß. Ferner hatte er noch zusammen mit dem Müller der unteren Bachmühle den Gemeindeeber zu pflegen.

Kaum war die Stadtmühle fertig, wurde auch schon die Sägmühle gebaut (1536). Eigentlich mußten für Mühlen dem Landesherrn besondere Mühlgülten entrichtet werden, doch dies umging die Stadt bei der Sägmühle. Auch dieser Betrieb gedieh von Anfang an gut, dank des Holzgartens und der Enzflößerei.

Die Kriegswirren im 17. Jahrhundert hat die Stadtmühle gut überstanden. Es habe auch im Interesse der Feinde gelegen, schreibt Roemer, die Mühle zu erhalten. Im Herbst 1640 mußte die Stadt die eine Hälfte für 1260 Gulden verkaufen, um die Forderungen eines Regiments bayerischer Dragoner erfüllen zu können. Doch fünf Jahre später konnte die Stadt die Mühle wieder zurückkaufen.

Hundert Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Kriegs hatten sich Stadt und Mühle gut erholt. 1752 wurde der Kornmarkt wieder eingeführt. 1772 brannte die Stadtmühle ab. Sie wurde als massiver Bau, wieder errichtet. Der damalige Stadtmüller hieß Georg Jakob Roth. Er hatte es zu etwas gebracht und sich 1769 ein schönes Haus in der Herrengasse gebaut, heute Hauptstraße 62. Um diese Zeit war schon der marktbelebende Einfluß der neuen Residenzstadt Ludwigsburg zu spüren. Auch die schweren Hochwasserschäden von 1824 und 1862 wurden bald wieder verschmerzt.

1847 übernahm Ludwig Stahlecker die Mühle von Müller Luitle und vererbte sie 1862 seinem Sohn Wilhelm Stahlecker, dem Gatten der ältesten Schwester von Japanarzt Dr. Erwin von Bälz. Wilhelm Stahlecker richtete sie als Kunstmühle ein. Er ersetzte 1867 die vier alten Wasserräder durch drei neue, gab die Mühle 1883 aber auf. Friedrich Konz aus Simmozheim erwarb das Gebäude. Der setzte 1889 ein Eisenrad ein, erbaute 1896 neben der Mühle ein Dampfkesselhaus und eröffnete auf 1. Dezember 1896 das erste Elektrizitätswerk in Bietigheim mit 30 Abnehmern.

Paul Konz, Sohn von Friedrich Konz, übernahm 1912 den Mühlenbetrieb. 1938 stellte er ihn auf Elektro-Betrieb um. Die neuen Walzmühlen wurden wegen des Hochwassers in den ersten Stock verlegt. Zwischen 1941 und 1945 betrieb Friedrich Hahn von Meterzimmern im Auftrag der Stadt die Mühle, danach wurde Karl Limbach ihr Besitzer. Heute steht das Gebäude nicht mehr. Es wurde abgerissen, da der Enzlauf korrigiert wurde.

Die Entwicklung, in der Sägmühle war nach dem Dreißigjährigen Krieg ähnlich wie die in der Stadtmühle. Sie war besonders nützlich, als die Brände von 1707, 1718 und 1721 weite Teile der Altstadt vernichtet hatten.

Auch dieses Mühlengebäude existiert seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr. Schon vorher hatte die Sägmühle ihren Betrieb zugunsten der Ölmühle von Bälz und Gauß eingestellt. Friedrich Konz, ein Bruder von Paul Konz und Betreiber des Elektrizitätswerks, hatte ein Lichtspielhaus an Stelle der Sägmühle einrichten lassen.

Die Mühlwiesenstraße unterhalb der neuen Mühlwiesenbrücke erinnert noch an die Geschichte dieser beiden Mühlen Bietigheims.

Bietigheimer Zeitung, Kolumne "Straßennamen" ("rh"), 29. März 1986

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