Bietigheim-Bissingen 2007
"anno MMVII"


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KIRCHPLATZ

Der Platz wurde benannt vor 1905.

Namengebend: die um 1400 errichtete Evangelische Stadtkirche.: 


Bietigheimer Zeitung, Kolumne "Straßennamen" ("rh"), 14. Juni 1986

Ersatz für die zerstörte Burg?

Der Kirchplatz in Bietigheim

(rh). Bietigheim hatte einst eine reiche Herrin: Gräfin Antonia Visconti aus dem reichen Mailänder Geschlecht. Sie hat dazu beigetragen, daß in der Stadtmitte eine Kirche gebaut wurde, die Stadtkirche. Für Kirchen hatte die Frau Graf Eberhards III. etwas übrig. Zuvor schon hatte sie den Chor der Peterskirche, die damals noch erste Pfarrkirche war, verschönern lassen.

Gebaut wurde an dem neuen Gotteshaus zwischen 1401 und 1411, also genau zehn Jahre. Antonia Visconti erlebte das Ende der Bauarbeiten nicht mehr. Sie, die seit 1380 Herrin der Stadt war, starb 1405. Die Bürger waren beim Bau ihrer Kirche kräftig eingespannt. Sie hatten Frondienst zu leisten. Die Kosten wurden über eine "Kirchenfabrik" beglichen, eine eigens eingerichtete Ortskirchenkasse. Auch Graf Eberhard, der Milde mit Beinamen, ließ sich nicht lumpen und gab Geld, das bei einer Landessammlung zusammenkam.

Prof. Hermann Roemer schreibt in seiner "Geschichte der Stadt Bietigheim", die Stadtkirche sei wohl als Ersatz für die zerstörte Burg gebaut worden. Von dieser blieb allerdings noch der Turm übrig, der in den Anfängen der Geschichte der Stadtkirche als Glockenturm diente. Gleichzeitig war er in jenen Zeiten, als noch die Stadttore verriegelt wurden, als Wachturm von Nutzen.

Zuerst hieß das neue Gotteshaus Kapellenkirche, da ihr Chor über dem Georgsaltar der alten Burgkapelle erbaut worden war. Die Rechte einer Taufkirche blieben weiter bei der Peterskirche. Das hieß für die Bürger, daß sie ihre Kinder in der zwischen den Felder stehenden Kirche taufen lassen mußten. Doch die Bietigheimer setzten alles daran, daß die Taufe bald auch in der Stadtkirche möglich war.

Als ersten Teil bauten die Bietigheimer Frondienstler unter einem nicht bekannten Baumeister den hochgotischen Chor, der ungewöhnlich hohe Fenster hat. Er schließt mit einem halben Achteck. Vor dem Einsturz des Burgturmes im Jahr 1542 war dieser Chor durch einen Lettner, wie es ihn heute noch in Bönnigheim gibt, vom Kirchenschiff abgetrennt. Der ehemalige Hochaltar, die Chorstühle und die Wandgemälde sind verschwunden. Am Kanzelfuß ist die Jahreszahl 1507 eingeprägt; er stellt die Wurzel Jesse dar. Aus früherer Zeit stammen die Evangelistengestalten. Dieser Kanzelfuß wurde, wie die gesamte Kirche, 1892 erneuert.

1542 stürzte der Burgturm ein. Roemer zitiert hierzu Bernhard Unfried, den Enkel des Stadtschreibers Johann Unfried, der Nachfolger Hornmolds war. Unfried schreibt in seinem Landbuch vom Jahr 1621 nach Aufzeichnungen des Großvaters: "Der Turm ist in einer hellen windstillen Nacht morgens zwischen 4 und 5 Uhr nach allen vier Seiten eingestürzt. Er war aus großen Buckelquadern bis an die Zinnen aufgeführt und 16 Schuh dick. Der Türmer, Werner Morsch von Eßlingen und sein Weib, sowie Hans Wagner und seine Hausfrau samt drei Kindern und Peter Hetzels zwei Kinder sind in ihren Betten vom Turm erschlagen worden, auch drei Häuser und zwei Scheuern ganz niedergeschlagen und die Kelter zum Teil, daß man sie hat müssen abbrechen; auch die umliegenden Häuser und Scheunen wurden übel geschädigt." Das Unglück geschah am 1. März.

Die Kirche wurde am Nordschiff von dem einstürzenden Turm getroffen. Dieser Teil mußte erneuert werden. Da das Gotteshaus für die vielen Einwohner zu klein war, wurde das Nordschiff beim Wiederaufbau um vier Meter verbreitert. Dies störte die Symmetrie. Weil es nun keinen Turm mehr gab, wurde zwischen 1542 und 1544 ein Kirchturm gebaut, der dem Stadtbild ein neues Gepräge gab.

In der Kirche selbst war es kahl. An der Westseite wurde eine Empore eingebaut, die "Bauernempore". Im Chor fand die Jugend Platz, auf der eigens eingerichteten Jugendempore. Anfangs war die erste, weit bekannte Orgel im Chorraum untergebracht. Für die Kirchgänger gab es nur unbequeme grobe Holzgestühle. Die Sakristei stammt aus dem Jahr 1464.

Vom Frühjahr 1891 bis Ostern 1892 wurde die Stadtkirche erneuert. Die Leitung der Bauarbeiten hatte Kirchenbaumeister Dolmetsch aus Stuttgart. Die Stadt mit Stadtschultheiß Wilhelm Mezger an der Spitze gewährte für den Umbau 20 000 Mark, was einem Sechstel der Kosten entspricht. Diese Erneuerung war notwendig geworden, da das Gotteshaus nicht mehr ausreichte. Damals lebten in Bietigheim 4000 Einwohner. Außerdem war die Kirche "häßlich, kalt und ungesund und hatte nur ein rohes Gestühl", schreibt Hermann Roemer.

Dieses Gestühl wurde in die unbestuhlte Peterskirche verfrachtet, die in der Zeit des Umbaus Interimskirche war. Der Chor wurde wieder freigelegt. Jugendempore und Orgel kamen heraus. Eine neue Orgel wurde auf der Westempore aufgestellt. Die Wände wurden getäfelt, so daß die Kirche eine gute Akustik bekam. Dies machte es möglich, daß wieder klassische Kirchenkonzerte stattfinden konnten. Der Chor wurde ebenfalls bestuhlt, Kanzel, Altar und Taufstein wurden erneuert. Die alten Grabdenkmäler, die seit dem Bau in der Kirche standen, wurden ebenfalls in die Peterskirche gebracht. Kirchengemeinderat Schumacher stiftete neue farbige Chorfenster, die allerdings 1945, während des Beschusses der Stadt im Zweiten Weltkrieg, zu Bruch gingen.

Nach der Kirchenerneuerung mußten die Gläubigen endlich nicht mehr frieren. Eine Heizung wurde eingebaut, die 1950 durch eine Zentralanlage ersetzt wurde. Und ein alter Zopf wurde auch abgeschnitten: die Erbstühle. Seit es Stühle in der Kirche gab, konnten sich Familien Plätze sichern, für die sie bezahlten, die aber vererbt werden konnten. Dieses Recht wurde abgeschafft.

Bei den Bauarbeiten wurde die Familiengruft der Hornmolds geöffnet. Darin fand man reichen Goldschmuck von Sebastian Hornmolds Tochter Hanna Winkler.

Der Kirchplatz liegt, wie könnte es anders sein, direkt bei der Stadtkirche.

Bietigheimer Zeitung, Kolumne "Straßennamen" ("rh"), 14. Juni 1986

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